Nach dem Bericht über die spektakuläre Flucht des Magdeburgers Karl Bley von Bord eines Kreuzfahrtschiffs, meldete sich Wilfried Kerth. Er war damals Zeuge des wagemutigen Sprungs in die Freiheit.

Altstadt l "Filmreife Flucht vor Floridas Küste" war der Bericht am 27. November überschrieben, genau 44 Jahre zuvor gelang genau dies dem Magdeburger Karl Bley. Mit Hilfe seines Bruders Eric, der bereits seit mehreren Jahren in den USA lebte, hatte er diese zuvor über Monate im Geheimen geplant. An diesem Novembermorgen sprang er vom Heck des DDR-Kreuzfahrtschiffs "Völkerfreundschaft" in den Atlantik, wo ihn bereits sein Bruder erwartete. Mit ihm nutzten drei weitere Passagiere die Gelegenheit, der Heimat für immer den Rücken zu kehren.

Einer, der ebenfalls mit an Bord war und alles beobachtete, ist Wilfried Kerth. Als er den Bericht in der Volksstimme las, erinnerte er sich wieder an diese ganz besondere Kreuzfahrt. Mit einem Fotoalbum unter dem Arm besuchte er daraufhin die Redaktion und erzählte, wie er die Geschichte damals erlebte.

Mit seiner Frau Renate hatte er damals eisern für die Reise gespart, über 3500 Ostmark kostete die Überfahrt ins kommunistische Kuba. "Wir haben es selbst nicht geglaubt, als wir die Bewilligung vom FDGB erhielten", erzählt er. Beide waren nicht in der Partei, also auch nicht bevorzugte Passagiere. Bei der Abfahrt in Warnemünde spielte die Kapelle "Muss i denn zum Städtele hinaus", weiß er noch. Insgesamt 32 Tage dauerte die Reise, 5 Tage davon waren Landaufenthalt auf Kuba. Der spannendste Teil der Reise passierte aber bereits davor, in Höhe der Florida Keys. Wilfried Kerth weiß auch, warum Eric Bley zunächst vergeblich auf seinen Bruder wartete: "Wir hatten auf hoher See einen Maschinenschaden und fuhren nur mit halber Kraft. Dadurch hatten wir zwei Tage Verspätung."

"Es wurde in zwei Gruppen gefrühstückt. Wir warteten an Deck, dass wir dran waren", erzählt Kerth. Plötzlich donnerte ein Flieger im Tiefflug vorbei und im nächsten Moment sah er Karl Bley und die anderen Männer springen.

Danach herrschte zunächst helle Aufregung an Bord. Die linientreuen Passagiere und Mannschaftsmitglieder diskutierten darüber, ob man die Flüchtenden erschießen sollte, erinnert er sich. "Das waren Hassparolen", sagt er. Einer der anderen Männer war mit seiner Frau unterwegs, die allein an Bord blieb. Zu Hause wartete sein acht Monate altes Kind. "Die Frau zog sich danach zurück, man hat sie nicht mehr gesehen", erzählt Kerth. Nach der ersten Aufregung war das Thema Flucht für den Rest der Reise nie wieder ein Thema. Zurück daheim erzählte ihm seine Mutter, dass sogar die Tagesschau über die Flucht berichtet hatte.

Neben Wilfried Kerth meldete sich auch Alt-OB Willi Polte nach dem Bericht. Er kannte einen der anderen Männer, den Pathologen Reinhold Kupfer aus Zwickau, berichtete er. Wenn Eric Bley im kommenden Jahr nach Magdeburg kommen wird, will er ihn auf eine Stadtrundfahrt einladen.

 

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