Magdeburg l "Haben Sie Ebola?" Wurden Sie das in letzter Zeit mal gefragt? Nein? Juliana Gombe ist genau das erst vor kurzem passiert. Eine Frau, neben die sie sich in der Straßenbahn setzte, wollte das tatsächlich von ihr wissen. Und warum? Weil sie anders als "wir" aussieht. Sie antwortete schlagfertig: "Ja, habe ich und ich stecke sie an." Die Dame stieg an der nächsten Haltestelle aus - und Juliana Gombe hatte hinterher noch ein schlechtes Gewissen, ob sie nicht zu gemein gewesen war. Ihr großes Herz kann sie halt nicht verstecken.

Vor bald 18 Jahren kam Juliana Gombe als Asylbewerberin nach Deutschland - auf der Flucht aus ihrem Heimatland Angola. Gemeinsam mit ihrem damaligen Mann und Freunden hatte sie dort heimlich eine Zeitung gedruckt. "In der stand die ganze Wahrheit über die Korruption und andere Ungerechtigkeiten", sagt sie. Was Menschen passieren kann, die eine Zeitung herausgeben, die anderen missfällt, hat man gerade erst in Paris gesehen.

Sie landete in Magdeburg in der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in der Grusonstraße. Die junge Familie musste sich in dem fremden Land zurechtfinden. Ein gutes Jahr später fanden sie eine Wohnung, Juliana engagierte sich in Kirchgemeinden, sang in Chören.

All die Jahre, die sie seitdem in Magdeburg lebte, war sie allein ehrenamtlich tätig - und das trotz eines Wirtschaftsdiploms. Es wurde nicht anerkannt, im Moment schreibt sie deshalb an ihrer Masterarbeit in Bildungswissenschaften. Erst im vergangenen Sommer fand sie beim Internationalen Bund eine bezahlte Stelle als Integrationshelferin.

Heute ist sie es, die jungen Flüchtlingen dabei hilft, in ihrer neuen Heimat zurechtzukommen. Sie geht mit ihnen zum Amt, unterstützt sie beim Ausfüllen komplizierter Formulare und hilft bei den Hausaufgaben. "Toleranz leben lernen", kurz "Toll", heißt ein von ihr initiiertes Projekt für die Kinder aus der Grusonstraße.

Toll ist auch, wie sie die Eltern mitnimmt. Ihnen sagt sie zum Beispiel: "Kauft euren Kindern die Fahrkarte zur Nachhilfe!" Denn allein gute Bildung sei schließlich der erfolgreiche Weg zur Integration. "Ich möchte den Kindern ein Lächeln schenken", sagt sie bescheiden. Das kommt an. "Julia viel gut", sagt ein Junge aus Syrien und verabschiedet sich von ihr per Abklatschen.

"Es sind alles meine Kinder", sagt sie über die Jungen und Mädchen aus Syrien, dem Irak und allen anderen Krisenherden der Erde.

Ihre drei eigenen vergisst die 45-Jährige darüber aber nicht. Als mittlerweile alleinerziehende Mutter sorgt sie aufopferungsvoll für sie. Ihre große Tochter studiert - vier Fremdsprachen und BWL - die beiden Jungs lernen fleißig in der Schule. Und weil sie noch nicht genug Kinder um sich hat, nimmt sie seit Jahren auch noch Austauschschüler auf.

Trotz allem muss sie auch nach fast 18 Jahren in Deutschland immer noch damit rechnen, nach Angola zurückgeschickt zu werden. Ihre Aufenthaltserlaubnis gilt bis heute nur zeitlich begrenzt.

Engagement kennt sie von zu Hause aus. "Das lag mir schon immer am Herzen", sagt sie. Ein obdachloses Mädchen, das sie einst auf den Straßen ihrer Heimat traf, war der Auslöser. "Ich werde für die Kleinsten da sein", stand für sie fest.

Wie wichtig ihr täglicher Einsatz für Integration ist, musste sie schon am eigenen Leib erfahren. Vor einigen Jahren wurde sie vor den Augen ihrer Söhne von zwei rechten Schlägern verprügelt. Die Täter bekamen Bewährungsstrafen. Sie zog in die Innenstadt. Bis heute will sie nachts nicht mehr allein unterwegs sein.

Seitdem kann sie auch nicht mehr richtig Gitarre spielen, sie hatten ihr den Finger gebrochen. Dabei ist Musik doch ihr Leben. Seit Jahren trommelt sie im wahrsten Sinne des Wortes gegen Fremdenhass und Intoleranz. Trotz aller Angst bestärkte sie die Attacke in dem Gedanken: "Wir müssen etwas tun".

Als persönlichen Wunschtraum bezeichnet Juliana Gombe, jedem Menschen, den sie trifft, einen Tropfen ihrer Menschlichkeit zu schenken. Was bei den meisten nur kitschig klingt, trifft bei ihr genau ins Herz. Mit ihrer scheinbar unerschöpflichen Lebensfreude steckt sie jeden an, der ihr begegnet. Das finden auch die Magdeburger und wählten sie deshalb auf Platz 2.

"Darf ich dich umarmen?", fragte mich Juliana am Ende unseres ersten Treffens, nachdem sie mir zuvor auch gleich noch das "Du" angeboten hatte. Heute kann ich die Bitte zurückgeben: "Juliana, darf ich dich hier auf der Bühne umarmen?"