Das Rätsel um das brennende Stadttheater scheint gelöst. Denn in einem sind sich fast alle Volksstimme-Leser einig, die dem gestrigen Aufruf gefolgt sind: Es war eine Feuerwehrübung in den 1950er Jahren. Nur wann genau diese stattfand, ließ sich bisher nicht klären.

Altstadt l Die Bitte der Redaktion, die Umstände der Schwarz-Weiß-Aufnahme des brennenden Stadttheaters zu klären, stieß auf eine unerwartet große Resonanz. Ab den frühen Morgenstunden stand das Redaktionstelefon gestern kaum mehr still. Dutzende Magdeburger erinnerten sich daran meist als Kinder, an der Aktion teilgenommen zu haben. Auch aus fachkundiger Quelle gab es die Bestätigung: Ja, es war eine Großübung der Feuerwehr. Doch dazu später mehr.

Zunächst sollen die vielen Anrufer zu Wort kommen, die ihre Erinnerungen mit der Redaktion und den Lesern teilen: Heinz Wilke saß damals als 3- oder 4-Jähriger auf der Schulter seines Vaters und schaute wie alle anderen bei der Übung zu. "Ich kann mich noch gut an die alten Helme erinnern", sagt er. Peter Neumann war indirekt involviert: "Mein Bruder war damals bei der Feuerwehr und hatte mir davon erzählt. Mit Rutschen wurden Menschen gerettet und von allen Seiten Löschangriffe durchgeführt."

Jörg Marquordt stand mit seinem Vater am Rand und beobachtete alles. Dieser hatte früher im Theater die Gestänge für die Leinwände gebaut und deshalb eine Beziehung zur Ruine. Auch Christa Ulbrich ist sich sicher, dass das Bild nach dem Krieg entstanden ist. Sie habe eine ähnliche Übung in der Ruine des Rathauses beobachtet. Als 14-Jährige hatte sie mit "Carmen" ihre erste Oper im Stadttheater gesehen und war "hingerissen".

Auch Günter Adlung,Peter Thurm, Bernd Deidok, Peter Güldenpfennig, Günter Siefert, Rainer Ramm, Herbert Schulenburg und Sigrid Rietdorf können die Feuerwehrübung - nach dem Krieg und vor der Sprengung 1958 - bestätigen. "Da wurdenach allen Regeln der Kunst Feuer gemacht", sagt Letztere.

Wilfried Rummel merkt an, dass das Foto gar nicht vor dem Krieg hätte gemacht werden können. "Aus diesem Blickwinkel konnte man den Hauptbahnhof durch die Gebäude gar nicht sehen", sagt er. Nicht nur die gesamte Bebauung rechts und links des Theaters, sondern auch das gewölbte Dach fehlen, was für die Nachkriegszeit spricht. Christa Dowidat erklärt, dass ihre Großeltern in der Viktoriastraße rechts des Theaters wohnten und am 16. Januar 1945 ausgebombt wurden. "Es war Glück, dass sie an diesem Tag nicht da waren", sagt sie. Weil die Häuser nicht zu sehen sind, muss das Foto somit nach dem Krieg entstanden sein. Auch Frank Kornfeld bestätigt, dass man den Bahnhof vor 1945 nicht hatte sehen können. Manfred Unger war 1953 aus Wernigerode nach Magdeburg gezogen und irgendwann danach mit seinen Eltern bei der Übung gewesen. "Schläuche zum Runterrutschen und Sprungtücher wurden eingesetzt", erinnert er sich. Helmut Müllers Vater arbeitete bei der Reichsbahn und wusste von der Übung im Vorfeld. Er erinnert sich, dass der helle Lichtschein im Vordergrund ein brennendes Auto gewesen war, das gelöscht wurde. Hans-Jürgen Sand spricht von einer "ganz toll inszenierten" Brandübung, bei der man sogar Teer am Haus lang runterlaufen lassen habe. "Die Leute waren begeistert", sagt er.

Volkmar Ulbig war mit seinen Eltern bei der Übung und kann sich noch gut an die Sprungtuchübungen vom Balkon erinnern: "Es war eine richtige Show." Brigitte Lüdtke stand mit ihrem Bruder auf der rechten Seite des Bildes. "Plötzlich brachen die Brände aus und es qualmte ordentlich", sagt sie. Uwe Wagner meint, dass man zuvor Teer reingekippt hatte, den man anschließend zu Übungszwecken anzündete. Er arbeitete in der Zeit davor als Aushilfe in der Gepäckaufbewahrung von Arthur Strohbach, die im Theater untergebracht war.

Eva Rocher war damals mit ihrem Vater vor Ort. "Die Zuschauer beweisen, dass es etwas zu sehen gab", meint sie. Es muss einen Aufruf gegeben haben, glaubt sie. Ingrid Kahle ist erst 1955 nach Magdeburg gezogen und kann sich sogar an wiederholte Brandübungen in der Ruine bis zu ihrer Sprengung erinnern. "Da sind wir Kinder immer hin, das war spannend. Meine Mutti hat geschimpft, dass wir nicht so dicht ran sollen", erzählt sie.

Karl-Heinz Dippner kann sich auch an eine Löschübung erinnern, meint aber, dass diese bereits Ende der 1930er Jahre stattgefunden hat. Günter Jüdike war als Mitglied der Berufsfeuerwehr dabei, kann sich aber nicht mehr erinnern, wann die Übung war. Inge Ehrlich meint, dass die Übung nach 1955 durchgeführt wurde, weil "ich da schon allein aus Sudenburg in die Innenstadt durfte". Jürgen Biermann arbeitete damals als Lehrling bei der Hauptpost und erinnert sich, dass er sogar hingehen musste. Es wurde auch eine Rede gegen die "bösen Amerikaner" gehalten.

Kronzeuge scheint aber Horst Weigand zu sein. 40 Jahre war er im Einsatz für die Magdeburger Berufsfeuerwehr. Er ist sich sicher, dass die Übung zum 10. Jahrestag der Gründung der Volkspolizei stattfand. Diese wurde am 1. Juli 1945 gegründet, zum Jubiläum gab es auf dem Domplatz eine große Ausstellung und eben jene Großübung im Stadttheater. Alle vier Wachen waren beteiligt - darunter der 24-jährige Horst Weigand als Gruppenführer.

Karl-Ernst Melzer vertritt eine ganz andere These. Er glaubt, dass die Rauchschwaden auf dem Foto von einer Dampflok stammen, die im Bahnhof dahinter auf dem Gleis stand. Die Leute im Vordergrund wollten vielleicht zu einer Veranstaltung, meint er. Das glaubt auch Hans-Uwe Förster.

 

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