Magdeburg l Bei Dirk Krüger herrscht seit Montag der Ausnahmezustand. Seine Freundin schläft seitdem nachts mit Licht, kurz vor seinem 47. Geburtstag sieht er seine Existenz auf dem Spiel stehen. In Dirk Krügers Haus an der Goslarer Straße wurde in der Nacht zu Montag nicht nur eingebrochen, sondern auch das für seine Bedürfnisse umgebaute Auto gestohlen. Damit pendelt der Rollstuhlfahrer jeden Tag zu seinem Arbeitsplatz in Darlingerode im Harz, wo er an einer Schule für Körperbehinderte unterrichtet.

Als seine Freundin an diesem Montag aufsteht und aus dem Fenster sieht, fährt ihr der Schrecken in die Glieder. Das Auto ihres Freundes Dirk Krüger ist weg. Sie weckt ihn, der wegen einer Grippe geschwächt ist. Er hat unruhig geschlafen, in der Nacht Geräusche wahrgenommen. Die jedoch ordnet er dem Hauskater zu, der auch sonst nachts zu hören ist. Doch nun wird klar: Was Dirk Krüger hörte, war nicht sein Vierbeiner. Es waren Einbrecher, die sich Zutritt zum Haus verschafft haben.

Schubladen sind geöffnet, Laptop, Tablet und Kamera verschwunden, "alles war komisch", erinnert sich Dirk Krüger. Und auch die Schlüssel für das Auto des Rollstuhlfahrers sind nicht mehr da - samt Auto.

Um 7 Uhr trifft die Polizei am Tatort ein. Sofort wird das Auto zur Fahndung ausgeschrieben. Doch die Beamten vor Ort hätten vermutet, dass das Auto zu diesem Zeitpunkt längst außer Landes gebracht worden wäre, erzählt Dirk Krüger. Seit einem Unfall im Jahr 1989, bei dem sich Dirk Krüger zwei Wirbel brach, ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Sein Auto, der rote Ssangyong Korando, war so umgebaut, dass er ihn praktikabel mit den Händen steuern konnte. Ein spezieller Sitz war eingebaut. 7000 Euro hatte das gekostet.

Ob ein Ungeübter mit diesem Fahrzeug sofort losfahren könne? "Eigentlich muss man sich erst einmal damit vertraut machen", meint Dirk Krüger. Aber der Wagen sei auch mit den Füßen fahrbar gewesen. Dirk Krüger ist sich sicher, dass Einbruch und Diebstahl keine Zufälle waren. Das Tragische: Die Täter "haben mir damit nicht nur meine Freiheit genommen, sondern auch meine Existenz", sagt er. Doch das wird ihm erst nach und nach bewusst.

Dirk Krügers Cousine startet schließlich einen Aufruf bei Facebook. Der Beitrag wird innerhalb kurzer Zeit mehr als tausendmal geteilt. Der gewünschte Erfolg bleibt aus.

Den Zeitwert seines Autos werde Dirk Krügers Versicherung bezahlen. Der liegt inzwischen aber deutlich unter den Anschaffungskosten für ein neues Auto. Der Umbau würde nicht finanziert werden. Ein neues Auto und den Umbau zu finanzieren, scheint undenkbar. Die Freundin des Lehrers arbeitet als Tagesmutter. In der Hauptsache lebe die Familie mit zwei Kindern von Krügers Einkommen als Lehrer. "Wenn wir einen großen Sparstrumpf hätten, wäre das alles kein Problem", meint er. Doch die Familie müsse ohnehin schon rechnen, um über die Runden zu kommen. Und selbst wenn, würde der Umbau einige Zeit in Anspruch nehmen. "Ich weiß nicht, wie lange mein Arbeitgeber im Harz da mitmacht", sagt er. In der Tourismusregion fürs Erste ein bezahlbares Zimmer zu finden, sei ebenfalls schwierig.

Und es ist längst nicht nur der Wagen verloren. Auch Dirk Krügers Brille, die er zum Autofahren nutzte, ist weg, ebenso die Sondergenehmigung fürs Parken. Sich einfach ins Auto zu setzen und die notwendigen Schritte in die Wege zu leiten, ist jetzt nicht mehr möglich. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin zu gelangen, ist umständlich, vor allem für ihn als Rollstuhlfahrer. Auch der Weg zur Arbeit sei mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwierig zu bewältigen. Nicht nur, dass diese nicht besonders behindertenfreundlich seien, die Schule befindet sich eineinhalb Kilometer vom Bahnhof entfernt.

Die Polizei habe zu dem Fall noch keine neuen Erkenntnisse erlangt. Sie vermute aber, dass der Diebstahl des Autos ein Zufall war, weil die Täter im Haus die Schlüssel dazu gefunden hätten. Ob der Wagen ins Ausland gebracht worden sei, sei rein spekulativ. Dass gezielt behindertengerechte Fahrzeuge gestohlen würden, dafür gebe es keine Anzeichen. Die Straftaten mit gestohlenen Autos lägen seit Jahren auf dem gleichen Niveau, so dass auch von einer Zunahme an Diebstahldelikten in diesem Bereich nicht gesprochen werden könne. 2014 waren 293 Fälle gemeldet worden - 32,4 Prozent wurden aufgeklärt.

Ob auch sein Auto wiedergefunden wird, bezweifelt Dirk Krüger. Er wartet nun auf die notwendigen Unterlagen, damit er den Schaden der Versicherung melden kann.

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