Ilsenburg l Man erliegt immer wieder der Faszination der Geschichte des Walter Eggert, die ein Teil der olympischen Historie ist, die von seinem vierten Platz bei den Winterspielen 1964 in Innsbruck berichtet, aber auch von menschlichen Tragödien erzählt. Sie ist aus heutiger Sicht so unvorstellbar, weil Sicherheit damals nur ein Wort war, obwohl die Schlitten bereits 130 Kilometer pro Stunde aufs Eis brachten. Rodler schossen aus der Bahn, erlitten Knochenbrüche und schwere Gehirnerschütterungen, erlagen zuweilen ihren Verletzungen. "Aber seitdem hat sich das Rodeln rasant entwickelt", sagt Eggert, dessen Enkel Toni nun in Sotschi um eine olympische Medaille kämpft.

Auch Walter Eggert war damals oft gestürzt im Eiskanal, am 5. Februar 1964 blieb er allerdings verschont. Beim olympischen Debüt des Rennrodelns steuerte der Ilsenburger, ausgerüstet mit Pullover und Skischuhen, den Doppelsitzer der DDR mit Sozius Helmut Vollprecht im ersten Lauf morgens um 5.30Uhr auf Rang drei. Im zweiten Lauf wurden sie von den Italienern Walter Außendorfer und Siegfried Mair abgefangen. Am Ende blieb mit 21 Hundertstelsekunden Rückstand nur die Holzplakette. "Natürlich waren wir enttäuscht", erinnert sich Walter Eggert.

50 Jahre später stehen die Chancen wieder gut, dass ein Eggert eine olympische Medaille gewinnt. Toni Eggert wird in Sotschi ebenfalls einen Doppelsitzer mit Sascha Benecken (Suhl) steuern, seit 2011 sind der 25-Jährige und sein 23-jähriger "Rucksack" ein Team. "Wir haben in dieser Saison einen großen Schritt nach vorn gemacht", berichtet Eggert über die gewachsene Harmonie der beiden auf dem Schlitten. Die Vizeweltmeister von 2013 haben zwei Weltcuprennen gewonnen in diesem Winter. "Toni hat absolut an Stabilität gewonnen", weiß der heute 73-jährige Opa. "Aber niemand erwartet von uns etwas in Sotschi", ist sich Enkel Toni trotzdem sicher.

Er klingt entspannt, er gibt sich locker, dabei eilt ihm der Ruf voraus, besonders ehrgeizig zu sein. "Manchmal ist er zu ehrgeizig", sagt Walter Eggert. "Das geht gar nicht", erwidert Toni seufzend. Ehrgeiz allein reicht auch nicht, um bei Olympia erfolgreich zu sein. "Da spielen so viele Faktoren eine Rolle", weiß der Senior: Tagesform, Wetter, Kufenwahl, Temperatur des Eises im Kanal. Die wichtigste Hausaufgabe hat Toni Eggert allerdings erledigt: "Er ist von seinem neuen Schlitten überzeugt", berichtet der Opa. "Er lässt sich besser fahren und er ist schneller", bestätigt der Enkel.

Lange Zeit konnte Toni Eggert das Geheimnis um den neuen Schlitten hüten. Nächtelang arbeitete er seit dem vergangenen Sommer in der Garage in Ilsenburg am Gerät. Erst bei den letzten drei Weltcups haben Eggert und Be- necken den neuen Flitzer präsentiert, und sie sind zweimal auf Platz zwei und einmal - in Oberhof - zum Sieg gefahren. Das hat sie zwar nicht zu den Top-Favoriten auf olympisches Gold gemacht, diese Bürde tragen die Bayern Tobias Wendl/Tobias Arlt als amtierende Weltmeister. Aber "wir sind wirklich auf einem sehr guten Weg", sagt Eggert, "und wir sind sehr stark am Start". Seit dem vergangenen Sonnabend halten sie in Altenberg den Startrekord.

Trotzdem drängt es Eggert nicht in die hohen Erwartungen. "Wir versuchen, die Olympischen Spiele ganz locker anzugehen, denn wir können bei unserer Premiere nur dazugewinnen", sagt er: "Und wir haben noch viele Reserven." Eggert startet mit Benecken am 12. Februar in den Kampf um Medaillen. Und seine olympische Geschichte soll dann nicht von Stürzen, sondern von viel Freude erzählen.

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