Magdeburg l Der Satz "Wir leben in einer Welt, in der alle menschlichen Beziehungen auf ihren Warenwert reduziert werden" gehört aktuell zum Standardrepertoire von Daseinsbeschreibung. Was das in der Realität tatsächlich bedeutet, erzählt "Lornas Schweigen" unsentimental, aber mit aller Härte: Die junge Albanerin Lorna erkauft sich mit einer Scheinheirat mit dem drogenabhängigen Claudy die belgische Staatsbürgerschaft. Nach dem kalkulierten Tod des Junkies will sie mit einer erneuten Scheinehe, die wiederum einem Russen den begehrten EU- Pass verschaffen soll, selbst zu Geld kommen. Damit wollen sie und ihr Geliebter Sokol sich den Lebenstraum von einem kleinen Bistro erfüllen.

Eine übersichtlich karge Bühne (Ausstattung Sabine Schmidt), die durch ein Lattenkonstrukt verschiedene Räume assoziierbar macht, ermöglicht, der Schnitttechnik des Films folgend, den schnellen Wechsel von einer Szene zur anderen. Die Aufführung kommt ohne schrille Töne und ohne jeden Gag daher. Das Team (Dramaturgie Heide Palmer) bekennt sich schonungslos zum unerbittlichen Gang des Geschehens. Nur wenige Momente der Fröhlichkeit, wenn Lorna ihren Sokol (Konstantin Marsch) trifft, hellen die Bedrückung auf.

Die Regisseurin erfühlt genau die Psychologie der Hauptfiguren, besonders die der Titelheldin. Lena Sophie Vix gibt dieser Lorna ungekünstelt, mit großer schauspielerischer Gestaltungskraft und Wahrhaftigkeit ein Gesicht. Sie bleibt in ihren Mitteln stets unaufdringlich. Den tödlichen Konflikt zwischen Eigennutz und menschlichem Handeln, in den Lorna gerät, zeigt sie undramatisch (umso größer die Wirkung des einen Schreis der Verzweiflung) und in authentischen Reaktionen. Niemals aber gibt die Aktrice ihre Figur preis. Deren Erbarmungslosigkeit bestürzt, aber deren Einsamkeit macht auch betroffen.

Claudy (Peter Weiss), der um Hilfe fleht, um clean zu werden, und Geschäftemacher Fabio, der für Geld über Leichen geht, markieren die Pole Mitmenschlichkeit und Erbarmungslosigkeit, zwischen denen sich die Neubelgierin Lorna bewegt und zwischen denen sie sich entscheiden muss. Weiss stellt den katastrophalen Zustand, in dem sich Claudy anfänglich körperlich und seelisch befindet, so glaubhaft dar, dass der Zuschauer den darstellerischen Pendelschlag zur Gesundung förmlich als Erleichterung erfährt.

Raimund Widra zeigt den Fabio mit wunderbarer selbstverständlicher schauspielerischer Coolness als herzlosen Mann, der gnadenlos ausschließlich im eigenen Interesse handelt. Das gesamte personelle Umfeld der Protagonisten spielen David Nádvornik und Michaela Winterstein. Ständig wechseln sie für kurze, knappe Szenen die Figuren, die Kleidung und den Gestus. Das gelingt reibungslos.

Regisseurin Koschel erzählt die Geschichte schnörkellos und geradlinig. Ihre Inszenierung hält das Publikum auf emotionale Distanz zu den Personen, aber sichert sich stets dessen Interesse an der Handlung und seine Anteilnahme für ihren Fortgang. Uta Koschel und ihrer Crew gelingt ein Abend, der Herz und Hirn gleichermaßen erreicht und zum Gespräch anregt.