Magdeburg l In der katholischen Kirche ist eine öffentlich ausgetragene Auseinandersetzung zum Thema Sexualmoral entbrannt. Ausgangspunkt eines sich zuspitzenden Streits sind Äußerungen des Trierer Bischofs Stephan Ackermann. Der hatte erklärt, er sehe Veränderungsbedarf für Moral und Sexualethik seiner Kirche. So sei es nicht mehr zeitgemäß, eine zweite Ehe als Todsünde anzusehen und Wiederverheirateten die Zulassung zu den Sakramenten dauerhaft zu verweigern. Es sei auch nicht haltbar, vorehelichen Sex generell als schwere Sünde zu bewerten.

Ackermann betonte: "Wir können die katholische Lehre nicht völlig verändern." Es müssten aber Kriterien erarbeitet werden, anhand derer gesagt werden könne, was im konkreten Fall verantwortbar sei. Und: "Es geht nicht an, dass es nur das Ideal auf der einen und die Verurteilung auf der anderen Seite gibt." Verantwortungsbewusst gelebte Homosexualität dürfe von der Kirche nicht als widernatürlich eingestuft werden.

"Um lebensdienliche Lösungen ringen." - Bischof Gerhard Feige

Der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt distanzierte sich von Ackermann. "Es kann auch in Zukunft nicht darum gehen, sich Lebensgepflogenheiten anzupassen, die heute so und morgen anders sind", sagte er. Der Bischof von Augsburg, Konrad Zdarsa, warf Ackermann indirekt vor, dem Zeitgeist hinterherzulaufen Der Katechismus sei "Richtschnur dessen, was in der Weltkirche Geltung hat", sagte er. Der Bischof von Fulda, Heinz Josef Algermissen, warnte vor "bischöflichen Einzelaktionen", die kontraproduktiv seien.

Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige zeigte sich hingegen solidarisch mit Ackermann. Es sei "endlich an der Zeit, sich offen der ungeschminkten Wahrheit zu stellen und im Geiste Jesu Christi sensibel und fair um verantwortbare und lebensdienliche Lösungen zu ringen", betonte er. Es helfe nicht, immer nur Verbote zu erneuern und Bedenken vorzutragen. Mit Blick auf die Art der Auseinandersetzung fügte er hinzu: "Ich halte es für unangebracht, wenn Bischöfe sich über die Medien vorführen und gegeneinander aufbringen lassen."

Lebensferne Sexualmoral in der Katholischen Kirche

Der Bischofsstreit steht im Zusammenhang mit einer vom Vatikan in Auftrag gegebenen Umfrage zur Sexualethik. Die Ergebnisse hatten den tiefen Graben zwischen offizieller Lehre und der Lebenswirklichkeit der deutschen Katholiken offenbart. Das sind von der Bischofskonferenz zusammengefasste Kernaussagen der Befragung in allen 27 deutschen Diözesen:

Die meisten Gläubigen bringen mit der Kirche einerseits eine familienfreundliche Haltung, andererseits eine lebensferne Sexualmoral in Verbindung.

Die kirchlichen Aussagen zu vorehelichem Geschlechtsverkehr, zur Homosexualität, zu wiederverheirateten Geschiedenen und zur Geburtenregelung finden (...) kaum Akzeptanz oder werden überwiegend explizit abgelehnt.

Außerhalb der Kirche wird kirchliche Sexualmoral als "Verbotsmoral" wahrgenommen. Das katholische Familienbild wirkt auf viele zu idealistisch und lebensfern.

Das korrespondiert mit dem Umfrageergebnis im Bistum Magdeburg. In der Auswertung heißt es: "Für den Lebensbereich von Ehe und Familie hat die Kirche weitgehend ihre Deutungshoheit verloren. Der Alltag wird auch bei Christen von Überzeugungen und Praktiken geprägt, die aus dem gesellschaftlichen Umfeld stammen." Es zeige sich, dass auch gläubige Christen "zunehmend in pluralen Lebensformen anzutreffen sind". Die Familienpastoral habe daher einen "starken Bedarf an Erneuerung". Und: "Es gilt, die Lehre der Kirche zu Partnerschaft, Ehe und Familie einladend zu formulieren und nicht verurteilend und ausgrenzend."

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