Halberstadt l Musikalisch war "Don Giovanni" ein Sahnestückchen. Michael Korth hielt den Orchestergraben und die Szene mit sangbaren Tempi gut zusammen. Mit mozartisch transparentem Klang und mit großen Sängertableaus. Die Solisten und der Chor waren bestens disponiert - allen voran Juha Koskela als Frauenverführer und Mörder Don Giovanni und Klaus-Uwe Rein als sein Diener Leporello.

Ein Fest des hochdramatischen Gesangs, vor allem von Rächerin Donna Anna (Annabelle Pichler), der in ihrer Liebe zu Giovanni schwankenden Donna Elvira (Runette Botha) und dem naiven Bauernmädchen Zerlina (Bettina Pierags).

Eingangs liefert Leporellos berühmte Registerarie mit der Aufzählung der Liebschaften seines Herrn einen Schlüssel zu dessen wüstem Leben. Dazu werden an den Wänden die Schuhe der Damen ausgestellt; im Lauf des Stücks kommen immer neue hinzu. Quasi als optische Doppelung seines Registers. 2065 Frauen aus Spanien, Italien, Frankreich, der Türkei und Deutschland. Ein toller Hecht! Ein international agierender Weiberheld!

Die Inszenierung spielt durchweg in heutiger Zeit

Ein tragischer Held. Dieser Giovanni kann nicht mit Liebe leben. Er bleibt ohne das vertraute Du einer Frau. Aber - er unternimmt schließlich alles, kein Mitgefühl mit ihm aufkommen zu lassen. Ein von seinem Trieb erbarmungslos Getriebener. Ein Zerstörer.

Gastregisseurin Verena von Kerssenbrock und Ausstatterin Wiebke Horn ließen durchweg im Heute spielen. Warum? Sprache und Musik kollidierten in dieser doch zeitlosen Geschichte Lorenzo da Pontes aus dem 18. Jahrhundert mit Mode und Sexgewohnheiten des 21. Jahrhunderts. Vergröberung statt Erkenntnis-Zugewinn.

Donna Anna im kleinen Schwarzen (aha, Trauer!) stolziert auf Highheels über die Bühne. Gleichfalls hochhackig und ganz in Weiß treten Elvira und Zerline an. Die Kostüme erzählen nichts. Zerlines Freund, der zum Stadtbürger aufgestiegene Masetto (Reinhold Schreyer-Morlock), kommt im grauen Anzug daher. (Im Gesang und seiner Körperlichkeit eine Augenweide - er lässt sich bis auf die Boxer-Shorts ausziehen.) Gefeiert wird die Hochzeit mit einem Kasten Radeberger. Giovannis Fest und sein Abendessen mit Ghettoblaster und (vermutlich Halberstädter) Würstchen - alles wirkt klein und nichtig.

Spannend wird die Szene dann, wenn Vorgänge erspielt werden. Dem Schnappen Zerlines nach einem schöneren Brautkleid und silbernen Schuhen. Die Gefangennahme Leporellos zwischen drei Türen. Seine Bestechung durch Don Giovanni - es ist Hass, gemildert durch Geld.

Am Ende steht das Erscheinen des "Steinernen Gastes", des Komturs, mit viel Bühnennebel. Und die Entsorgung von Don Giovannis Leichnam durch strapsbekleidete Damen. Diese Inszenierung ist vollbracht! Ihr fehlte die Magie. Das Herz erreichte sie nicht.

Weitere Aufführungen in Halberstadt am 8.3. und 25.3.