Fluchten aus dem Maßregelvollzug in Bernburg

Die letzte Flucht war im August 2013: Ein 41-jähriger verurteilter Mann ist während eines Parkspaziergangs geflohen. Der flüchtige Gewalttäter genoss bereits eine höhere Lockerungsstufe. Sechs Monate später wurde er in Nordrhein-Westfalen gefasst.

Zwei Monate zuvor war ein Sexualstraftäter aus der Lockerunggeflohen. Auf der Flucht in Österreich versuchte er eine Frau zu vergewaltigen. Er wurde in Wien gestellt.

Im Oktober 2012 gelang es drei Insassen ein Fenster aufzuhebeln. Sie bogen anschließend die Sicherheitsgitter mit bloßen Händen auseinander. Die Täter konnten kurze Zeit später von der Polizei gestellt werden. Die Gitter wurden nach der Flucht durch stärkere ersetzt.

Mitte Mai 2012 war ein wegen Nötigung und Vergewaltigung verurteilter Patient aus dem Maßregelvollzug geflohen. Er entkam durch die Fenster der Therapiestation.

2011 gab es die meisten Fluchten in 23 Fällen mit 29 Patienten. Die Lockerungen waren daraufhin ausgesetzt und der Wachdienst verstärkt worden.

Bernburg l Fassungslos steht am Montag der Leiter der Maßregelvollzugseinrichtung Klaus Thiel vor zertrümmerten Türen und dem zersplitterten Fenster des Schwimmbades der forensischen Landesklinik in Bernburg. Die vier Ausbrecher im Alter von 22 bis 34 Jahren haben in der Nacht zum Sonntag ganze Arbeit geleistet. "Hier werden definitiv stärkere Türen eingebaut und auch die Schwimmbadfenster werden wir künftig vergittern, obwohl es architektonisch nicht so gewollt war. Dann bekommen wir den Laden aber endlich dicht", hofft er. So wie seine Vorgänger auch schon.

Es ist nicht der erste Ausbruch in Bernburg. 2012 gab es insgesamt zwei, von den zahlreichen Fluchten aus den Lockerungsstufen einmal abgesehen.

Noch sind nicht alle Details der aktuellen Flucht geklärt. Doch so viel steht wohl schon fest: Irgendwann in der Nacht begaben sich die wegen Raubes, Betrugs und gefährlicher Körperverletzung verurteilten Männer unbemerkt in die Schleuse ihrer gesicherten Station. Sie galten für die Drogenentziehung als therapieunwillig und sollten in Kürze wieder in die Justizvollzugsanstalten zurückgebracht werden. Einer von ihnen hätte schon am Montag einen Termin in Burg gehabt.

Der Drang nach Freiheit war größer. Die Ausbrecher überlisteten eine erste dicke Sicherheitstür mit Stahlrahmen sowie Sicherheitsglas, indem sie vermutlich mit einer Scheckkarte das Einrasten des Schlosses verhinderten. In der Schleuse selbst traten oder stemmten die Männer eine zweite dicke Holztür ein. "Diese sollte eigentlich durch eine Stahlplatte im Kern gesichert sein. Der fehlte aber", so der Leiter des Maßregelvollzuges. Wie die Ausbrecher dennoch die dicke Holztür gewaltsam öffnen konnten, bleibt für ihn schleierhaft.

Das Personal hörte von alldem nichts, weil die erste unbeschädigte Sicherheitstür wieder verschlossen wurde. Zwei weitere Türen, zum Umkleideraum und zum Schwimmbad, boten den Männern dann offenbar keine wirksamen Hindernisse mehr. Im Schwimmbad zerstörten sie zum Schluss noch eine Scheibe nach außen. Durch das entstandene Loch floh das Quartett schließlich ins Freie. Später, so ergab der Einsatz des Fährtenhundes, müssen die Männer weiter zu einem Parkplatz gelaufen sein. Dort wartete vermutlich bereits ein Fluchtfahrzeug. Zumindest brach die Spur an der Stelle abrupt ab.

Die vorhandenen Überwachungskameras haben offensichtlich nichts gebracht. "Die besitzen leider keine Mikrofone, sonst wäre das Wachpersonal darauf aufmerksam geworden", meint Thiel. In der Einrichtung befinden sich 195 Patienten, die von 215 Mitarbeitern und zusätzlichen Wachschutzkräften betreut und überwacht werden. Das Sozialministerium kündigte gestern eine weitere Untersuchung des Falles an.

Währenddessen meldeten sich am frühen Montagmorgen ein 28-Jähriger aus Halle und ein 34-Jähriger aus Dessau auf dem Polizeirevier: "Ich glaube, Sie suchen nach uns." Danach schwiegen sie zu allen Fragen der Polizei. Am Nachmittag dann ging der nächste, ein 22-Jähriger aus Bitterfeld, in Brehna ins Netz. Vom Letzten des Quartetts, einem 27-Jährigen aus Halberstadt, gab es bis zum Abend noch keine heiße Spur.