Blankenburg l Die Harzstadt Blankenburg ist seit jeher etwas Besonderes: Der Braunschweiger Enklave inmitten des einstigen Königreichs Preußen wird nicht nur ein mildes Kurklima wie in Baden-Baden nachgesagt. Die 23.000-Einwohner-Stadt hat seit knapp drei Jahren auch zwei Polizeireviere. Und das in Zeiten, in denen Sachsen-Anhalts Landespolitiker um jeden einzelnen Polizisten - oder besser: dessen Einsparung - ringen.

Da überrascht es kaum, dass nicht nur das Revierkommissariat in der Herzogstraße von der großen Strukturreform erfasst und quasi wegstrukturiert werden soll. Auch das Polizeirevier gleich um die Ecke in der Löbbeckestraße steht auf der Kippe.

Ausgerechnet im ehemaligen Kaiserlichen Postamt, wo seit drei Jahren mindestens ein Mord pro Woche aufgeklärt wird, sieht die Zukunft der Belegschaft alles andere als rosig aus. Hauptkommissar Paul Kleinert und seine übereifrige Sekretärin Klara Degen, die Helden der ARD-Krimiserie "Alles Klara", müssen vermutlich nach 32 Folgen ihren Dienst quittieren. Den Vorabendkrimis in der malerischen Kulisse des Harzes droht das Aus.

Quedlinburg und Blankenburg kämpfen gemeinsam um "Klara"

Allerdings wollen das die Blankenburger nicht hinnehmen. Während der Stadtrat bereits vor knapp einem Jahr eine - völlig wirkungslose - Protestresolution gegen die Schließung des echten Revierkommissariats verabschiedet hat und ganz aktuell Unterschriftenaktionen in der Bevölkerung laufen, kämpft Bürgermeister Hanns-Michael Noll (CDU) noch an einer zweiten, länderübergreifenden Front: zur Rettung des Film-Reviers.

Parteiübergreifende Schützenhilfe bekommt er von Quedlinburgs Oberbürgermeister Dr. Eberhard Brecht (SPD). Denn dummerweise weiß kaum einer der Fernsehzuschauer zwischen Flensburg und Oberammergau, dass das Filmset in Blankenburg steht. Laut Drehbuch heißt es nämlich: "Polizeirevier Quedlinburg".

Sei\'s drum: "Diese Serie ist nicht nur für Blankenburg und Quedlinburg eine tolle Werbung", sagt OB Brecht, der vor allem die breit gestreuten Drehorte in der Region lobt. Sie zeigen die ganze Schönheit des Harzes. Eine Landschaft, die bei den Fernsehsendern seit jeher im Schatten von Bergdoktor, Traumschiff und Co. steht.

"Alles Klara" mit Zuschauer-Quote von 6,2 Prozent

Dass nun ausgerechnet eine Fernsehreihe aus dem Harz gestrichen werden soll, will auch Noll nicht hinnehmen. "Diese Serie hat in den letzten drei Jahren unsere Stadt, aber auch unsere gesamte Region sehr wirkungsvoll dargestellt. Die Ankündigung der Produktionsgesellschaft, den Mietvertrag für das \'Polizeirevier\' nicht zu verlängern, würde bedeuten, dass diese Serie eingestellt werden würde. Ich glaube, dass die Darstellung unseres Landes Sachsen-Anhalt und insbesondere des Ostharzes über die gesamte Bundesrepublik sehr positiv aufgenommen wurde", hat Noll an den Vorsitzenden des MDR-Verwaltungsrates, Frank Möhrer, geschrieben. Weiterhin bittet er darum, sich dafür einzusetzen, die Serie fortzuführen.

"Hier ist die große Chance, vielen Zuschauern die Schönheiten unserer Region vor Augen zu führen. Oftmals sind unsere Kulturdenkmäler und auch die typisch mitteldeutschen Fachwerkstädte besonders im Süden der Bundesrepublik nicht bekannt. Hier bestünde die Möglichkeit, einem breiten Publikum Mitteldeutschland und den Harz näher zu bringen."

Am letzten Drehtag im Blankenburger Filmrevier hatte Producer Maik Homberger erklärt, eine Zuschauerbefragung würde über einen Fortbestand der Serie entscheiden. Mit rund 1,7 Millionen Zuschauern (6,2 Prozent) am Vorabend bestätigen Brecht und Noll der Serie durchaus einen beachtlichen Zuschauerschnitt.

Filmcrew ist ein Wirtschaftsfaktor

Nicht weniger beliebt ist "das muntere Völkchen an Technikern und Schauspielern", wie es Eberhard Brecht formuliert, bei den Harzern. "Sie waren nach drei Jahren ein richtiger Teil unserer Stadt." Das bestätigt auch Hanns-Michael Noll und bringt zudem wirtschaftliche Faktoren ins Spiel. Die Miete für die ansonsten leerstehende Kaiserliche Post füllt die klamme Stadtkasse. Auch Taxiunternehmen, Hotels, private Vermieter und Cateringfirmen profitieren von den Dreharbeiten.

Rund 50 Kollegen, darunter Techniker, Maskenbildner und Schauspieler, sind bei einem Dreh täglich vor Ort. "Sie alle müssen untergebracht und verpflegt werden", sagt Thomas Bretschneider, Gesamtherstellungsleiter der "neuen deutschen Filmgesellschaft" (ndF), die die Vorabendserie "Alles Klara" produziert hat. Er wartet im Münchner Vorort Unterföhring ebenfalls gespannt auf die Entscheidung der ARD-Programmchefs.

"Wir hoffen, dass sie noch im April fällt", so Bretschneider, der sich vorsorglich die alte Blankenburger Post bis dahin hat reservieren lassen. "Ich würde mich sehr freuen, wenn es in Blankenburg und Quedlinburg weitergehen würde. Wir haben dort eine wunderbare Ebene der Zusammenarbeit gefunden und wurden sehr unterstützt", erklärte der ndF-Gesamtherstellungsleiter.

MDR-Rundfunkrat entscheidet über "Alles Klara"

Auch die Schauspieler-Crew mit Wolke Hegenbarth als Titelheldin an der Spitze und vor allem Bambi-Gewinner Felix Eitner als Hauptkommissar Paul Kleinert haben den Harz und seine wunderschöne Natur liebgewonnen. So ist der Wahl-Allgäuer Eitner an drehfreien Tagen nicht selten mit Wanderschuhen auf der Teufelsmauer, im Bodetal und im Ilsetal anzutreffen.

Umso mehr wurmt es auch die Serien-Produzenten, dass dieses schöne Fleckchen Deutschland im Fernsehen bald nicht mehr vorkommen soll.

So richten sich alle Augen nach Leipzig. Dort tagt am kommenden Montag, 31. März, der MDR-Rundfunkrat. Das Gremium könnte zumindest eine Empfehlung abgeben, dass der Harz sein Fernseh-Revier behält. Unter Insidern wird aber schon gemunkelt, dass den TV-Ermittlern wohl dasselbe Schicksal widerfahren wird, wie den echten Polizeibeamten im Blankenburger Revierkommissariat.

ARD-Vorabendprogramm mit schlechten Quoten

Einen kleinen Hoffnungsschimmer könnte ausgerechnet ein Harzer bringen: Stefan Gebhardt. Der gebürtige Wippraer ist Mitglied des Landtages und arbeitet als Vertreter der Partei Die Linke nicht nur im MDR-Rundfunkrat mit, sondern ist als einziger Landesvertreter im viel wichtigeren ARD-Programmbeirat aktiv. Dieses Gremium beschäftige sich aktuell "und sehr intensiv", so Gebhardt, mit dem Vorabendprogramm der ARD, das insgesamt wenig zufriedenstellende Quoten bringe.

Selbst die bayerischen Ausgaben von "Heiter bis tödlich" - "Hubert und Staller" sowie "München 7" - schaffen es an guten Tagen auf keine acht Prozent Zuschauer-Schnitt. Im Mai, kündigt Gebhardt an, soll es eine gemeinsame Sitzung mit der Fernsehprogrammkonferenz geben. "Da werden wir uns für die MDR-Serien einsetzen", erklärt er.

Dann entscheidet sich womöglich endgültig, ob Blankenburg wieder mit etwas Einzigartigem in die Geschichtsbücher eingeht: Wenn vielleicht in einem Jahr gleich zwei Polizei-Dienststellen dichtgemacht werden.