Mehr Selbstbewusstsein
Die Stiftung Elternhaus krebskranker Kinder in Magdeburg arbeitet seit zehn Jahren mit Martin Rühmann zusammen. "Selbst einmal bestimmen zu können, wo es langgeht, ist eine gute Erfahrung für die kranken Kinder", sagt der Vorsitzende und Arzt Uwe Mittler. Jeden Donnerstag besuche ein Clown des Teams die Kinderkrebsstation der Uniklinik. "Während der Therapie müssen die Kinder viel ertragen und akzeptieren, was mit ihnen gemacht wird. Ist der Clown zu Besuch, sind sie Bestimmer." Das Programm ist stets so gestrickt, dass die Kinder kleine Erfolge erleben.
"Oft stellt sich der Clown absichtlich als dumm oder tollpatschig dar, um sich von den Kindern etwas beibringen zu lassen", sagt Mittler. Das habe positive Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl der Mädchen und Jungen. "Wir können an der oft mit Schmerzen verbundenen Therapie zwar nichts ändern. Wohl aber daran, wie die Kinder die Therapie als Ganzes wahrnehmen und in Erinnerung behalten." Da sei die Abwechslung und Aufmunterung, die der Clownsbesuch mit sich bringt, willkommen. Es habe aber auch schon Kinder gegeben, die vor dem Clown flüchteten.

Uchtspringe l Knallrote Hosenträger halten die orange Hose. Sie ist mehrere Nummern zu groß und mit grünen, gelben und rot-weißgestreiften Flicken benäht. Eine blaue Jacke mit grünen Taschen und riesiger Sonnenblume am Kragen. Von den zerfledderten rot-weißen Schuhen lösen sich die Sohlen. Martin Rühmann taucht die Fingerspitze seiner rechten Hand in weiße Farbe und malt sich einen großen Clownsbart. Schwarze Augenbrauen, rote Lippen, Wangen und zuletzt eine rote Nase. "Mit der Kostümierung und der Maske räume ich meine eigene Kindlichkeit frei", sagt er.

Schnell noch eine Perücke aus bunten Stofffransen auf den Kopf. Im Spiegel ist jetzt immer wieder das breite Grinsen zu sehen, die Augen schauen, als heckten sie etwas aus. Martin Rühmann ist in die Rolle des Clowns Wuschel geschlüpft. In einen braunen Koffer stopft er rote, grüne, gelbe und blaue Plastikteller, Luftballons, Tücher - und eine kleine blaue Gitarre. Ein Diabolo steckt er sich in die Hosentasche und schlurft mit all dem dann quer über das Klinikgelände in Uchtspringe.

Im Spielzimmer der psychiatrischen Station 48 ist es mucksmäuschenstill. Die Kinder erwarten Wuschel bereits. Vorsichtig streckt er zuerst seinen Fuß zur Tür hinein - Lachen. Zaghaft zeigt er seine rote Nase durch den Türspalt - einige Kinder kommen herbeigerannt. Dem ersten gibt Wuschel seinen vollbepackten Koffer und lässt ihn stolz hereinspazieren. Wuschel folgt ihm.

"In jedem Lied spielen die Kinder selbst eine Rolle."

Die Jungen kennen Wuschel, er besucht die Station alle vierzehn Tage. Eine Vorstellungsrunde gibt es trotzdem. Ein Kind nach dem anderen fängt das bunte Diabolo, wirft es zurück zu Wuschel und nennt seinen Namen. So wie jedes Mal. "Bei vielen Kindern spielen Rituale eine wichtige Rolle", sagt Martin Rühmann. Danach habe er sein Programm aufgebaut.

Sofern es ein Programm gibt. "Ich habe meist nur eine grobe Idee davon, wie eine Vorstellung sein kann", sagt Martin Rühmann. "Letztlich arbeite ich aber immer situativ." Dabei habe das Kind Priorität. "Es ist stets der Bestimmer", sagt Martin Rühmann. "Manchmal gibt es ein Thema vor, manchmal mach ich das, greife dann Vorschläge der Kinder auf und entwickle sie weiter." Das geschehe über die Reaktionen des Kindes. Jede Vorstellung ist dadurch anders und neu.

Der Blick eines Jungen fällt auf den großen braunen Koffer. "Was ist da drin?", fragt Leon. Er läuft zum Koffer und greift an eines der Schlösser. "Meinst du, da passt eine Gitarre rein", fragt Wuschel. Ungläubige Blicke. "Na klar!", ruft Ramon. Wuschel hebt behutsam den knarzenden Deckel. Er greift in den Koffer und zeigt die Gitarre in die Runde. Die Kinder johlen. "Die klingt ja total schräg. Muss ich erstmal stimmen", sagt Wuschel. Aufmerksam beobachten die Jungen ihn dabei.

Die Aufgedrehtesten werden ruhig, die Ruhigen können endlich mal aus sich heraus.

Schon bei den ersten Takten wissen die Jungen, welches Lied Wuschel anstimmt. Sie haben es schließlich gemeinsam "erfunden". Zwischen zwei Akkorden fragt Wuschel die Jungen, was sie mal werden möchten. "Lkw-Fahrer", sagt Ramon. "Ich auch", ruft Leon. Wuschel schrammelt über die gespannten Saiten und singt: "Ramon möchte Lkw-Fahrer werden, Leon möchte das auch. Doch wer zu viel Pfefferminztee trinkt, bekommt einen dicken Bauch." Nach dem Lieblingsgetränk befragt, singen die jungen Patienten in der nächsten Strophe selbst mit "... doch wer zuviel Eistee trinkt, bekommt `nen dicken Bauch."

Die verschiedenen Lieder sind stets so angelegt, dass die Kinder sie weiterentwickeln können. In jedem spielen sie selbst eine Rolle. "Die Vorstellungen sind dadurch immer sehr nah dem Kind", sagt Martin Rühmann. Sowohl thematisch als auch räumlich. "Meist sind wir dabei nämlich auch noch auf engstem Raum - am Krankenbett, im Spielzimmer, in der Gruppe oder allein."

"Dass es Clown Wuschel überhaupt gibt, ist reiner Zufall."

Clown Wuschel ist inzwischen 21 dreiviertel Jahre auf der Welt. "Dass es ihn überhaupt gibt, ist Zufall", so Rühmann. Er wollte gerade sein erstes eigens geschriebenes Kinderlied spielen. Ein Mädchen im Publikum hatte eine Clownsnase dabei und habe sie ihm gegeben. "So habe ich das Lied von der Seifenblase mit roter Nase gespielt", erzählt Martin Rühmann. "Daraus hat sich das dann alles entwickelt."

Geplatzt ist sie bis heute nicht, die Seifenblase. Mit einer Mischung aus Clownerie, Musik und Mitmachaktionen ist der studierte Theaterpädagoge seitdem unterwegs. Wuschels weiteste Reise? "Die Ukraine", sagt Rühmann.

Mit den Theaterpädagoginnen Kathrin Achtelik und Kerstin Reichelt hat er sich 2004 zusammengeschlossen, um in Kliniken kranke Kinder zum Lachen zu bringen. Anfangs ausschließlich am Klinikum Magdeburg in Olvenstedt und in der Kinderonkologie der Uniklinik, seit sechs Jahren auch in den Fachkliniken in Uchtspringe und Bernburg.

"In der Kinderonkologie und -chirurgie gibt es sowas schon länger, noch viel zu wenig jedoch in der Psychiatrie", sagt Martin Rühmann. Das Netzwerk in Sachsen-Anhalt solle demnächst erweitert werden. "Vorstellungen in der Stendaler Tagesklinik sind ab Mitte des Jahres geplant." Das Klinikclown-Team ist mittlerweile auf acht Spaßmacher gewachsen. Mal besuchen sie die Kinder gemeinsam, mal allein. So freundlich und kontaktfreudig er auch sein mag, Wuschel ist gern allein unterwegs. "So kann ich mich besser auf die Interaktion mit den Kindern konzentrieren", sagt Rühmann.

Wuschel nimmt Marc mit zum Koffer und holt einen gelben und einen grünen Teller heraus. Auf einem Stab beginnt er, sie kreiseln zu lassen. Marc darf sie halten. Konzentriert beobachtet der Junge die bunten Plastikscheiben. Sie drehen sich weiter - Erfolgserlebnis.

"Das ist jedes Mal eine besondere Ebene, auf die wir uns begeben."

Nach dem Popellied wollen die Kinder der Station 48 endlich rausgehen. Auch das Diabolo-Werfen kennen sie bereits. Zusammen zählen sie laut "Eins ... zwei ..." und auf drei wirft Wuschel das Diabolo in die Höhe. Noch nicht hoch genug für die Jungen. Sie zählen wieder. "Diesmal auf Englisch", fordert Wuschel sie auf. "One ... two ... three", und das Diabolo fliegt durch die Luft. Die Jungen applaudieren, wollen gleich noch mal. Eine Schwester ermahnt sie, wieder reinzugehen. Einer der Jungen nimmt Wuschel zum Abschied in den Arm, bis in zwei Wochen.

Wuschel lächelt erschöpft. Im Keller der Station nimmt er seine Fransenperücke vom Kopf, befreit sich aus der großen Hose. Sie liegt vor ihm am Boden. Nachdenklich schaut das Clownsgesicht nach oben. Es sei jedes Mal ein gutes Gefühl. "Das ist eine ganz besondere Ebene, auf der die Kinder und ich uns da bewegen", sagt Martin Rühmann. "Und hinterher? Wohltuende Erschöpfung."

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