Straffälligenhilfe mit dem ZEBRA-Projekt

2007 wurde das ZEBRA-Projekt gemeinsam vom Justizministerium Sachsen-Anhalt, dem Landesverband für Straffälligen- und Bewährungshilfe sowie freien Trägern entwickelt.

Zu den Aufgaben der Mitarbeiter in den zentralen Beratungsstellen gehören die Vorbereitung von Straffälligen auf ihre Entlassung, die Unterstützung bei der Wohnungs- und Arbeit-suche sowie die Hilfe bei Behördengängen und die Aufrechterhaltung der sozialen Kontakte während der Haft.

Die Betreuung übernehmen freie Träger, nach Möglichkeit in räumlicher Nähe zu Justizvollzugsanstalten. Im Jerichower Land ist das Diakonische Werk mit der Beratungsstelle in Burg verantwortlich. Dort wurden im vergangenen Jahr 51 Klienten durch die Projektmitarbeiterin Sarah Lehmann beraten. Bei sieben Personen handelte es sich dabei um Angehörige. Zudem bildete Lehmann zwei ehrenamtliche Mitarbeiter aus.

Finanziert wird die Straffälligenhilfe durch Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds. Ziel des Fonds: Der Abbau von Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt. 644 Millionen Euro standen Sachsen-Anhalt daraus seit 2007 zur Verfügung.

Burg l Er besaß alles, wovon ein 21-Jähriger träumt. Drei Neuwagen des Herstellers BMW standen vor der großen Stadtvilla, in der Markus F.*, umgeben von modernster Technik, wohnte. Damals - bevor er in die neun Quadratmeter große Zelle der Justizvollzugsanstalt (JVA) Burg einziehen musste. Zu fünf Jahren Haft wurde Markus F. verurteilt. Eine Viertel Million Euro hat sich der junge Mann aus einer Kleinstadt im Salzlandkreis mit Internetbetrug verschafft.

Online angeboten, das Geld kassiert und nie versandt. In seinem Onlinehandel gab es Fernseher, Handys und Computer. Alles kleine Einzelbeträge. Die mehr als 200 Betrogene ihm überwiesen haben - ohne je Ware dafür zu erhalten. Die Summe hat Markus F. reich gemacht. Markus F. ist ein großer, schlanker Mann in Jeans und Sweatshirt. Er spricht ruhig und mit Bedacht. Er drückt sich gewählt aus. Er löffelt langsam seine Soljanka. Probiert dreimal, schiebt die Schüssel zur Seite. "Die Soljanka war drinnen besser."

Beim Kauf im Internet wollen sich die Leute absichern

Drinnen ist der große Speisesaal der JVA. Draußen ist der Imbiss, in dem Markus F. Sarah Lehmann von der Straffälligenhilfe trifft. Sie reden über seinen neuen Ausbildungsplatz, die Trennung von seiner Freundin und die anstehende Führerscheinprüfung. Die beiden sind im gleichen Alter, gehen vertraut miteinander um. Sarah Lehmann hat vor einem Jahr ihre Arbeit beim Diakonischen Werk Jerichower Land begonnen. Markus F. war der Erste, dem sie nach seiner Haft zur Seite stand. Er bedankt sich für ihre Unterstützung - zählt die gemeinsamen Behördengänge, die Wohnungssuche und die Schuldenberatung auf.

Auf den Lippen des 25-Jährigen immer ein leichtes Schmunzeln: "Ich bin nicht ganz so lieb, wie ich wirke." Er habe eben gelernt, mich zu verkaufen. "Die Leute rufen vor so einem Kaufvertrag im Internet an, erkundigen sich und wollen sich absichern." Souverän habe er ihnen diese Sicherheit vermittelt.

"Nur für Gefühle kann man keine Vorkehrungen treffen"

Nur ganz selten besiegte ihn sein schlechtes Gewissen. Es kam Post von Familien, deren Weihnachtsfest drohte auszufallen, weil sie für das gezahlte Geld keine Ware erhielten. In solchen Einzelfällen - in den fast 200 anderen nicht - überwies Markus F. die Summe zurück. Von einem der Dutzenden Konten. Er hatte an alles gedacht: Das eingenommene Geld aufzusplitten, in regelmäßigen Abständen die Handynummer sowie den Aufenthaltsort zu wechseln, seinen Namen nicht ins Spiel zu bringen. Er habe sich immer wieder in die Rolle eines Ermittlers versetzt. Wonach würden die Polizisten suchen?

"Nur für Gefühle kann man keine Vorkehrungen treffen." Eine Freundin arbeitete mit Markus F. zusammen, gab ihren Namen für die Online-Geschäfte her. Markus F. fuhr mit ihr gemeinsam durchs Land, suchte andauernd neue Unterkünfte für sie, um keine Spuren zu hinterlassen. Es war das Heimweh, das die junge Frau zurück nach Hause und damit in die Arme der ermittelnden Polizisten trieb. Die Freundin hat geredet, die Identität von Markus F. preisgegeben. Heute weiß er: "Es ist nur eine Frage, wie lange sowas gutgeht. Am Ende fliegt es immer auf."

In der JVA zieht es nie

Und dann sitzt man plötzlich vor einem Richter. Alles geht ganz schnell. Die Vorstrafen werden aufgezählt, das Fahren ohne Führerschein fließt mit in das Urteil hinein. Von den fünf Jahren musste Markus F. nur dreieinhalb absitzen. Weil er seine Auflagen ordentlich erfüllt hat, wird der Rest auf Bewährung ausgesetzt.

Jetzt lebt Markus F. auf 50 Quadratmetern. "Als ich das erste Mal in meiner neuen Wohnung stand, war das Fenster offen und Wind zog durch den Raum." Markus F. hatte vergessen, wie sich Durchzug anfühlt. In der JVA wird eine Tür verschlossen, bevor die nächste geöffnet wird. Dort ziehe es nie.

"Ich bleibe in der Nähe der JVA, um zu sehen, wo ich nie mehr hin will"

Nach seiner Entlassung zog Markus F. in die Nähe von Burg. Die Stadt, in deren Justizvollzugsanstalt mehr als 600 Straftäter aus ganz Sachsen-Anhalt leben, die zu lebenslangen und Freiheitsstrafen ab einer Dauer von zwei Jahren verurteilt wurden. Zurück in den Salzlandkreis will Markus F. nicht. Dort leben seine Familie und fünf Geschwister, "die nicht mal einen Lutscher klauen könnten". Sie machen dem 25-Jährigen keine Vorwürfe mehr. Er habe seine gerechte Strafe bekommen. Und fängt jetzt neu an - im Jerichower Land. "Ich möchte jeden Tag an dem Gebäude vorbeifahren, um zu sehen, wo ich nie wieder landen will."

Dieses Gebäude ist von hohen Mauern und Stacheldraht umgeben. Nachts wird mit großen Strahlern die Justizvollzugsanstalt abgeleuchtet. 220000 Quadratmeter, auf denen Markus F. drei Jahre lang gearbeitet, gegessen und geschlafen hat. Nach ein paar Monaten in der Jugendanstalt Raßnitz kam der Verurteilte mit 21 Jahren in die Burger JVA. Markus F. kann sich noch ganz genau erinnern: "Ich war einer der Jüngsten, die Alteingesessenen haben die Hand draufgehalten." Welpenschutz heißt das im Gefängnis.

Von Freizeit bleibt im Knast nur die Zeit übrig

Ein halbes Jahr hat Markus F. gebraucht - bis er sich an das Leben hinter Gittern gewöhnt hat. Sechs Uhr Wecken, ab sieben Uhr Lkw beladen im Lager. In der JVA helfen Insassen in der hausinternen Schlosserei und Schneiderei mit. Die Produkte müssen für die Auftraggeber verpackt und verladen werden - die Aufgabe von Markus F. Ab 15.30 Uhr ist Freizeit. Ein Wort, von dem in der JVA nur die Zeit übrigbleibt - frei ist dort niemand. Markus F. widmete sich dann seinem Fernseher. Den konnte er sich im Gefängnis kaufen. Diese Möglichkeit gebe es heute nicht mehr. Und wer niemanden hat, der einem einen Fernseher schickt, der hat auch keinen.

Später traf sich Markus F. nach der Arbeit zum Kaffee mit anderen Insassen. Ein erster Schritt in Richtung Freiheit. Seine Zellentür wurde dann nicht mehr direkt hinter seinem Rücken verschlossen. Sondern sie stand offen. Wochentags zwischen sechs und 21 Uhr, am Wochenende zwischen acht und 18 Uhr. Das nennt sich Wohngruppenvollzug. Dafür müssen die Auflagen erfüllt sein.

Alte Freunde "aussortiert"

Im Fall von Markus F. waren das Therapien, um einen Rückfall zu vermeiden. "Was mache ich, wenn ich wieder über einen Betrug nachdenke?" Wer Methoden gelernt hat, kann mit anderen kochen, Karten spielen und reden. Alles Leidensgenossen - viele, die "schlimmere Sachen gemacht haben". Nur mit einem von ihnen hat Markus F. auch heute noch Kontakt.

"Ich musste ganz schnell lernen, wem ich vertrauen kann und wem nicht", erklärt er. Und das ging draußen für den 25-Jährigen sofort weiter. Er hat seine alten Freunde "aussortiert". Nach so einer Verurteilung lerne man, wer Freund ist und wer nicht. Als Markus F. das große Geld verdiente, jeden Abend ausging und mit teuren Wagen vor der Diskothek vorfuhr, hatte er sehr viele - von diesen Freunden. "Damals bekam ich Anerkennung für meine materiellen Reichtümer."

"Nur wenn mich jemand fragt, erzähle ich von der Haft, sonst nicht"

Seine Ansprüche waren hoch. Nur ein Blick auf das volle Konto habe gereicht, um das schlechte Gewissen gegenüber den Betrogenen auszuräumen. "Meine Träume und Wünsche wollte ich mir sofort erfüllen." Kam ein neues Smartphone auf den Markt, Markus F. hatte es. Dafür nahm der damals 21-Jährige den materiellen Schaden der anderen in Kauf, handelte sogar mit gestohlenen Kreditkartendaten.

Heute will Markus F. "etwas schaffen". Gerade bereitet er sich auf die medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) vor, um seinen Führerschein zu bekommen. An ein Auto will er noch gar nicht denken. Am Monatsende bleibt kaum Geld über - mit 25 Jahren ist Markus F. hoch verschuldet. Tausende Euro für Anwalts- und Gerichtskosten müssen beglichen werden. Alles über einem bestimmten Limit wird sofort gepfändet. Ein Ausbildungsgehalt ist jetzt das, was Markus F. zur Verfügung hat. Und dafür ist der junge Mann dankbar.

Nur vier Betroffene haben geklagt

Er will Bürokaufmann werden. "Am Schreibtisch sitzen und mit Zahlen arbeiten, das liegt mir", erklärt Markus F. Die erste Probezeit hat er wegen seines Führungszeugnisses nicht überstanden. Jetzt bekommt er woanders eine zweite Chance - dort wollte niemand sein Führungszeugnis sehen. "Wenn mich jemand fragt, dem erzähle ich es, sonst nicht." Das war nicht immer so. Sein erstes Date nach der Haft leitet Markus F. mit dem Satz, "ich komme gerade aus Madel" ein. Der Stadtteil, in dem die Burger JVA steht. Das Mädchen blieb trotzdem und zog sogar zwischenzeitlich bei ihm ein.

Heute sollen Markus F. die Menschen erst kennenlernen, er definiert sich nicht über die Jahre im Gefängnis. Gerade hilft ihm ein Schuldnerberater des Diakonischen Werkes Jerichower Land, die Privatinsolvenz anzumelden. In sieben Jahren soll dann ein Teil der Schulden verfallen. Doch rund 20.000 Euro bleiben - 30 Jahre lang. Nur ein Bruchteil von dem Geld, um das Markus F. Menschen betrogen hat. Denn nur vier von 200 Betroffenen haben geklagt. "Die anderen hatten dafür bestimmt kein Geld", vermutet Markus F. Die vielen kleinen Beträge haben ihn reich gemacht - es sind aber auch genau die Beträge, bei denen die Betroffenen sich vor den Anwaltskosten scheuen.

"Ganz banale Dinge, wie einen Sonnentag am See, schätze ich heute"

Es gibt Tage, an denen kommt ihm wieder der Gedanke vom "schnellen Geld". Strategien, um mit diesen schwachen Momenten umzugehen, hat Markus F. in seinen auferlegten Behandlungsmaßnahmen gelernt. "Ich wiege dann Pro und Kontra ab, suche schnell Hilfe." Die findet er bei Sarah Lehmann. Bis zu drei Jahren nach der Haft kümmert sie sich um die Straffälligen, ist im Notfall sogar auf dem Handy erreichbar. "Wir machen gemeinsam einen Plan und sprechen über Ängste", sagt Lehmann.

Was Markus F. zu schätzen gelernt hat? "Das sind ganz banale Dinge, sobald die Sonne scheint, fahre ich an den See und koste solche Momente viel mehr aus als früher." Früher war vor der Haft. Früher war das Leben in einer großen Stadtvilla und mit schnellen Autos. Heute besitzt Markus F. alles, wovon ein 25-Jähriger träumt, der vier Jahre seines Lebens im Gefängnis verloren hat: Die Freiheit, nach Hause zu kommen und zu gehen - wann er will.

* Name von der Redaktion geändert.