Tangermünde l Sven Wojcik war es, der seinen Chemielehrer Gerald Eisenhut damit konfrontierte. Und dieser machte den Stadtrat und auch die Verwaltung während der jüngsten Sitzung darauf aufmerksam.

Nicht nur der Anblick des verwaisten Industriegeländes sei unschön. Viel schlimmer sei die Umweltgefahr, die von hier ausgeht. Das zumindest sagte Stadtrat Gerald Eisenhut während der jüngsten Sitzung des Rates. Sven Wojcik, "ein sehr guter Chemie-Schüler, der völlig richtig und vorbildlich reagiert hat", so Eisenhut, hätte ihm von Kaliumdichromat berichtet. Und das "ist krebserregend und für die Umwelt hochgiftig".

Bürgermeister Rudolf Opitz erklärte, dass er um die Gefahrenquelle Marmeladenfabrik wisse. Hier würden auch "Kinder auf den Dächern rumkrabbeln". Einige Dächer seien sogar schon eingebrochen. Das Problem sei: "Es ist kein Verantwortlicher zu greifen." Der Insolvenzverwalter habe, wie auch bei den Meyerschen Höfen der Fall, die Verwaltung aufgegeben. Auch da stünde die Stadt seit Jahren vor dem Problem, keinen Verantwortlichen, keinen Ansprechpartner mehr zu haben. "Man hat uns empfohlen, mit der Marmeladenfabrik eine Zwangsversteigerung anzustreben", sagte der Bürgermeister während der Ratssitzung.

Dennoch habe das Ordnungsamt auch jetzt wieder reagiert, Lücken im Zaun geschlossen. Mitarbeiter Michael Classe ließ sich von Sven Wojcik gestern zeigen, wo genau er welche Chemikalien gefunden hatte. Gerald Eisenhut war mit ihm zusammen zur Industriebrache gekommen, um die Gefahrenquellen schnell ausfindig machen zu können.

"Hier muss man Druck machen, damit etwas unternommen wird." - Lehrer und Stadtrat Gerald Eisenhut

Dabei fanden sie unter anderem auch Ammoniumhydrogensulfat, Zutaten zur Limonadenherstellung, viele Glasflaschen mit und ohne Beschriftung. "Alles wild auf der Erde verteilt", beschrieb Michael Classe das Bild. "Es muss auch eine Reaktion gegeben haben", schilderte der Achtklässler eine Beobachtung.

Mit diesen Informationen wird das Ordnungsamt der Stadt jetzt das Umweltamt des Landkreises in Kenntnis setzen. "Sollten die weiteren Untersuchungen ergeben, dass auch Fragen des Umweltrechts berührt sind, die eine Einbeziehung des kreislichen Umweltamtes erforderlich machen, wird die Stadt Tangermünde entsprechende Schritte einleiten", teilte Landkreissprecher Edgar Kraul auf Nachfrage mit.

Wahrscheinlich werde eine Spezialfirma mit der Entsorgung der Chemikalien beauftragt werden, lautete die erste Vermutung von Michael Classe nach dem Rundgang durch die alten Fabrikhallen. Wer die Kosten dafür tragen werde, sei noch unklar.

Wie schwierig es sich gestaltet, an der Tannenstraße für Veränderungen zu sorgen, hat auch Dietmar Schiess, Leiter der Tangermünder Ortsgruppe der DLRG, in der Vergangenheit erfahren. Mit Nachdruck ist er seit Jahren dabei, für die Einsatztruppe einen ordentlichen Raum zu finden. Die gemietete Garage in der Tannenstraße würde in Verbindung mit Nachbargebäuden, die zur Marmeladenfabrik gehören, viele Probleme lösen. Doch weder Grundstückskauf noch das Mieten von vorhandenen Gebäuden sind ihm bisher geglückt.

Seit 2006 ist die Produktion von Marmelade in Tangermünde Geschichte. Nach Investitionen Anfang des Jahrtausends am Standort Tannenstraße zog sich Mühlhäuser zurück, nahm die Anlagen mit; und das Objekt, in dem viele Jahrzehnte Marmelade gekocht wurde, ist seitdem sich selbst überlassen.

 

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