Warum es noch keine Haftbefehle gibt

Was ist das Ungewöhnliche an dem Fall?
Normalerweise sammelt die Polizei erst genügend Beweise, um im dringenden Tatverdacht Haftbefehl beantragen zu können. Gerade bei solchen Fällen sind die Ermittlungen sehr langwierig. In Aschersleben musste die Polizei aber schnell handeln, weil sie sehr kurzfristig vom Jahrestreffen erfuhr. Es war die Chance, die Personen aus der Anonymität des Internets auf einen Schlag zu holen und namentlich bekannt zu machen. Ermittlungsansätze gibt es, für Untersuchungshaftanträge reicht das aber nicht.

Wie geht es weiter?
Polizei und Staatsanwaltschaft müssen nun alles auswerten, weitere Durchsuchungsanträge stellen. Wenn aus dem Anfangsverdacht des sexuellen Missbrauchs von Kindern und des Besitzes bzw. des Vebreitens von Kinderpornografie ein dringender Tatverdacht entseht, können Haftanträge gestellt werden.

Magdeburg l Zum ausgehobenen Pädophilen-Ring in Aschersleben (Salzlandkreis) am Sonnabend gab die Polizei am Montag in Magdeburg weitere Details bekannt. Einsatzleiter Kriminaldirektor Holger Herrmann: "Wir haben am 25. April von den Aktivitäten im Chatroom Girl Lover (übersetzt Mädchen-Liebhaber) erfahren und mussten zügig agieren. Wir wussten zunächst nur, dass es ein Jahrestreffen des engeren Zirkels am 3. Mai gibt, aber nicht, wer namentlich dahinter steckt."

Ausgangspunkt waren Recherchen eines Fernsehjournalisten, der die Ermittler auf den Chat aufmerksam machte. Dessen Mitglieder tauschten sich unter anderem über ihre Vorlieben aus, ob sie zum Beispiel Sieben- bis Elfjährige bevorzugen oder eher 0,5 bis sieben Jahre alte Kinder. Herrmann: "Man hat sich darüber verständigt, wie man ein stabiles Kinderbett für Fesselpraktiken aufbaut." Die Polizei leitete daraufhin ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern, zunächst "gegen unbekannt", ein.

Fünfjähriges Mädchen dient als Lockvogel

Inzwischen ist bekannt, dass ein 54-jähriger Aschersleber das Treffen organisiert hat. Jeder Teilnehmer erhielt eine Einladung. Drei Berliner, ein Dresdener, ein Leipziger, vier Personen aus Nordrhein-Westfalen und ein Schweizer folgten ihr. Ziel sei es gewesen, so der Kriminaldirektor, neue Kontakte zu Kindern aufzubauen.

Als Lockvogel diente an jenem Sonnabend die fünfjährige Nichte des 54-jährigen Ascherslebers. Das Mädchen sollte den Kontakt zu anderen Kindern im Zoo erleichtern. "Wir haben die Gruppe aber die ganze Zeit beobachtet. Wäre es zu strafbaren Handlungen gekommen, hätten wir jederzeit einschreiten können", so Herrmann.

Sieben Stunden lang hielten sich die Männer und eine Frau im Bereich des Kinderspielplatzes und des Terrassencafés auf, bis sie um 18 Uhr den Zoo wieder verließen. In vier Fahrzeugen fuhr die Gruppe los und konnte von der Polizei im Stadtzentrum abgefangen werden. Weder in den Autos noch bei den späteren freiwilligen Durchsuchungen von Wohnungen in Dortmund, in Berlin und Aschersleben hat die Polizei offensichtliches pornografisches Beweismaterial gefunden.

Pädophilen-Chatroom inzwischen inaktiv

"Es wurden aber unter anderem Datenträger sichergestellt", so Herrmann. Die Männer gaben in den Vernehmungen zwar ihre pädophilen Neigungen zu, stritten aber jede Beteiligung an einer Straftat ab. Drei von ihnen sind einschlägig wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern bzw. des Besitzes und Vebreitens kinderpornografischer Schriften vorbestraft.

In dieser Woche soll es gemeinsame Termine mit den Landeskriminalämtern und dem Bundeskriminalamt zum weiteren Vorgehen geben. Nach Erkenntnissen der Polizei waren in dem Chatroom (virtueller Gesprächsraum) in der letzten Zeit mehrere hundert Teilnehmer angemeldet. Dieser sei inzwischen aber inaktiv. "Wir stehen ganz am Anfang der Ermittlungen und wollen nicht planlos loslaufen. Ich bitte um Verständnis, wenn wir unsere nächsten Schritte nicht bekannt geben."