Magdeburg l Die Palette reicht von ansehnlichen Kunstwerken bis zur hässlichen Schmiererei vor allem an Autobahnbrücken, Eisenbahnzügen oder Schallschutzwänden. Den Crews, wie sich die illegalen Sprayer-Gruppen selbst nennen, geht es vor allem um den Kick und den "Fame" (Ruhm). Die Magdeburger Szene-Ermittlerin, Kriminalhauptmeisterin Sandy Giebichenstein, erklärt: "Die Sprayer wählen den Ort meist so aus, dass ihr \\\'Werk\\\' von vielen Menschen und möglichst lange gesehen wird. So steigt innerhalb der Szene ihr Ansehen."

Anders dürfte das bei den Eigentümern der betroffenen Immobilien sein. Diese bleiben meist auf ihren Schäden sitzen. Die Beseitigung der Farbe kann je nach Fläche mehrere hundert Euro kosten. Allein die Stadt Magdeburg musste in den vergangenen neun Jahren 1,5 Millionen Euro aufwenden, um die Schäden an ihren Liegenschaften zu beseitigen. Die Bahn gibt jährlich 30 Millionen Euro bundesweit dafür aus, um Züge sowie Bahnhöfe von den Schmierereien zu beseitigen. Regionale Schwerpunkte sind neben Sachsen-Anhalt auch Berlin, Sachsen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen.

"Die illegalen Sprayer sind vorsichtiger geworden."
- Sandy Giebichenstein, Ermittlerin

Die Neulackierung eines Triebwagens koste allein bis zu 15.000 Euro, erklärt Bahnsprecher Jens-Oliver Voß. Jeder Fall werde deshalb angezeigt und dokumentiert. Es drohen bei diesen Delikten Geldstrafen oder Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren.

Niedriger Aufklärungsquote bei illegalen Sprayern

Wenn die Fälle konkret Tätern zugeordnet werden können, erhebe die Bahn auch zivilrechtliche Forderungen, die sogar bis zu 30 Jahre lang eingeklagt werden können. In Sachsen-Anhalt hat die Bundespolizei allein im vergangenen Jahr 1122 Graffiti-Straftaten auf den Bahngeländen registriert. "Die Zahlen stagnieren seit dem Vorjahr auf dem Niveau", sagt die Sprecherin der Bundespolizei Romy Gürtler. Selten können allerdings angesichts niedriger Aufklärungsquoten tatsächlich die Sprayer zur Verantwortung gezogen werden.

Ähnlich ist es auch bei der Landespolizei. Nur ein Viertel der angezeigten Straftaten konnten im vergangenen Jahr aufgeklärt werden. Kriminalhauptmeisterin Giebichenstein: "Die illegalen Sprayer sind vorsichtiger geworden." Die Täter kennen oft die Methoden der Polizei und versuchen Spuren zu vermeiden. Allerdings sei auch auffällig, dass viele Sprayer immer häufiger unter Drogeneinfluss stehen und entsprechende Rauschmittel bei sich haben.

Nach Angaben des Landeskriminalamtes sind die Anzeigen wegen illegaler Graffiti in Sachsen-Anhalt insgesamt leicht rückläufig. Die meisten Fälle registriert die Polizei in Halle. Vor fünf Jahren war Magdeburg noch Spitzenreiter.

Betroffene verzichten immer häufiger auf Anzeige

Eine Zunahme gab es laut der Statistik in den vergangenen drei Jahren nur im Harz, im Saalekreis und Burgenlandkreis. Im Jerichower Land stiegen nach einem Tief im Jahr 2012 die Fälle wieder an, ebenso im Landkreis Stendal. In allen anderen Landkreisen gab es weniger Anzeigen.

Am deutlichsten war dies im Landkreis Börde der Fall. Hier gingen die Graffiti-Straftaten von 529 auf 154 zurück. Anika Steidl vom Polizeirevier Börde führt dies vor allem auf die Klärung einer Serie von Straftaten im vergangenen Jahr zurück.

Die Magdeburger Polizei sieht gleich mehrere Gründe für den Rückgang der Anzeigen. Zum einen sind vor etwa zwei Jahren die Verträge für sogenannte Ein-Euro-Jobber ausgelaufen, die an städtischen Liegenschaften Graffiti erfasst haben, Anzeige erstatteten und später mit einer Mobilen Putzkolonne beseitigten. "Zum anderen muss immer öfter festgestellt werden, dass Betroffene auf eine Anzeige verzichten. Das erfolgt teils aus Resignation, teilweise aus Zeitmangel oder der fehlenden Kenntnis, dass solche Anzeigen kostenfrei sind", sagt Ermittlerin Giebichenstein.

Besprühte Wände werden selten übersprüht

Die Kommunen entwickeln unterschiedliche Strategien gegen illegale Graffiti. In Magdeburg gibt es zum Beispiel zahlreiche Projekte, bei denen für legale Graffiti größere Flächen freigegeben werden. Das größte dieser Art befindet sich in der "Aerosol-Arena" auf einem ehemaligen Firmengelände im Norden Magdeburgs. Auch Trafohäuschen und Mauern werden in der Stadt zum Teil freigegeben.

"Die Leute regen sich inzwischen schon gar nicht mehr auf." - Holger Neumann von Haus Grund

Der Vorteil der offiziell bunt gestalteten Wände: Unter Sprayern gilt es als äußerst verpönt, wenn bereits gestaltete Flächen übersprüht werden. Sie bleiben von den Attacken deshalb meist verschont. Das wurde auch im Landkreis Harz im Rahmen eines Projektes der kommunalen Beschäftigungsagentur in Wernigerode und in Halberstadt im vergangenen Jahr mit mehreren Trägern genutzt.

Wände und Stromverteilerkästen sind dabei bunt mit Bildern besprüht worden. "Die Mauer in Wernigerode ist seit rund einem Jahr gestaltet und wurde zu unserer Freude bisher nicht mit Graffiti beschmiert", sagt eine Sprecherin im Jobcenter Landkreis Harz. In Salzwedel gibt es zum Beispiel eine Doppelstrategie. Dort unterstützt die Kommune Künstler, die öffentliche Wände gestalten. Zum anderen werden Hausbesitzer in der Innenstadt finanziell beim Beseitigen der Graffiti unterstützt.

Förderungsfähige Reinigung selten genutzt

Der Stadtrat hat 20.000 Euro dafür in den Haushalt eingestellt. Sollte der Hauptausschuss am heutigen Mittwoch zustimmen, könnten 50 Prozent der Schadensbeseitigung gefördert werden. Maximal stünden dann 300 Euro pro Antragsteller zur Verfügung. Damit soll privaten Eigentümern der Anreiz geboten werden, Sprühschäden zügig beseitigen zu lassen.

Ein ähnliches Projekt hatte bereits der Verein "Saubere Stadt Magdeburg" für denkmalgeschützte Häuser vor etwa fünf Jahren gestartet. Holger Neumann, der gleichzeitig auch Landespräsident des Vereins "Haus Grund" ist, meint aber: "Es gab leider kaum Anträge. Wir überlegen deshalb das Angebot einzustellen." Viele Grundstückseigentümer greifen offenbar selten auf förderungsfähige Fachfirmen zurück, sondern regeln das alleine. "Die Leute regen sich außerdem inzwischen schon gar nicht mehr darüber auf", sagt er.

Karl-Heinz Gobst vom Verein "Haus Grund" in Halle erklärt, dass zum einen die Händel-Stadt und Eigentümer offizielle Flächen für legale Graffiti zur Verfügung stellen. Zum anderen seien alle angehalten, solche Schmierereien möglichst zeitnah zu beseitigen. Finanzielle Hilfen gebe es aber keine.

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