Welsleben l Wer strickt denn da? Eine Busfahrerin! Da kommen ja gleich zwei exotische Dinge zusammen: eine Frau, die einen Bus lenkt und noch dazu einer kreativen Beschäftigung nachgeht, die heutzutage anmutet wie aus einer alten Geschichte entnommen. Natürlich hat Marion Müller gerade Pause. Sie sitzt zwar am Steuer, doch der Bus steht. Das sei zur allgemeinen Beruhigung gesagt. Die 43-Jährige nutzt die Ruhezeiten bis zur nächsten Fahrt für ihre kleine Leidenschaft. Stricken also.

Die Volksstimme spricht die sympathische Frau während einer Fahrpause in Welsleben an. Leser haben sich gemeldet und amüsiert und freudig berichtet: Da gibt es eine Busfahrerin, die strickt. Marion Müller lächelt bei der Frage, ob sie einige Minuten Zeit hat für ein paar Fragen. Hat sie.

Der Bus im Bus

Ja, es stimme. Als sie 1996 über ein Praktikum mit dem Busfahren anfing, war sie die erste Frau mit dieser Beschäftigung im Altkreis Schönebeck. "Inzwischen gibt es bei der Kreisverkehrsgesellschaft aber noch weitere Kolleginnen", klärt Marion Müller auf.

Das Interesse an der Strickerei hat sie wohl von der Großmutter übernommen, bereits als Mädchen. Damals fand sie durchaus auch Gefallen an der im Unterricht angebotenen Nadelarbeit. Dann drängten sich viele andere Dinge in den Alltag. "Vor fünf Jahren habe ich das Stricken für mich wiederentdeckt", erinnert sich die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. Die Schwägerin und ihre Strickkünste waren ein Anreiz, es wieder zu probieren. Und seither sind viele Strickwaren entstanden. Sogar einen Bus hat Marion Müller kreiert, in dem Fall gehäkelt, weil das stabiler wird. Der liegt auf der breiten Ablage des echten, motorgetriebenen Busses und fährt stets mit. Er ist wie eine Tasche gestaltet und kann auch so benutzt werden.

Eine Lanze fürs Stricken brechen

"Es macht mir einfach Spaß, wenn ich sehe, dass etwas daraus wird. Außerdem ist es eine beruhigende Beschäftigung", antwortet die Schönebeckerin auf Frage nach dem Warum. Und an Kreativität mangelt es Marion Müller wahrlich nicht. Ihr 22-jähriger Sohn, derzeit bei der Bundeswehr, legte ihr kürzlich das Bild eines Panzers als Vorlage vor. Ob sie das wohl könne? Da griff die Mama kurzerhand zu den Häkelnadeln und zeigte, dass sich auch mit Wolle aufrüsten lässt. Der Sohn war begeistert.

Vier Kameraden von ihm wollen nun auch einen Wollepanzer. "Meine Schwägerin hat mich gefragt, wie ich das gemacht habe", freut sich Marion Müller über die offensichtliche Anerkennung. Allgemein beschränkt sie sich aber auf ganz normale Stricksachen, wie Schals, Mützen, Pullover. Doch die nächste Herausforderung wartet schon: ein Traktor für den Enkel.

Für das Stricken an sich möchte die Busfahrerin gerne eine Lanze brechen. Es wäre doch schön, meint sie, wenn sich wieder mehr Menschen auf dieses Entstehenlassen von Textilien besinnen würden. "Das Stricken wird oft abgetan, aber ich bin sicher, es kommt wieder", sagt sie überzeugt. Und dann muss sie los. Fahrtzeit.