Magdeburg l Immerhin, man spricht miteinander. Das Podium ist hochkarätig besetzt am Sonnabend im Domgarten. Ein Vertreter des Bundesverkehrsministeriums, einer der Europäischen Kommission, der BUND-Präsident persönlich, daneben der Oberbürgermeister, die Pro-Elbe-Sprecherin und der Umweltbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland diskutieren vor dem Hintergrund erschreckender Hochwasserereignisse die Frage: Naturschutz versus Menschenschutz? Am Ende des rund zweistündigen Forums hat der Zuhörer den Eindruck, dass es allen Seiten in der Tat an neuen Formen der Verständigung, an Annäherung gelegen ist und sich Elbeschützer und "Elbeverwalter" (Bundes-, Landes- und kommunale Behörden) nicht unversöhnlich gegenüberstehen müssen.

Hubert Weiger (BUND) räumt ein, dass die Elbanrainer aus Gründen der eigenen Sicherheit nicht mehr "jahre- oder jahrzehntelang" auf einen verbesserten Hochwasserschutz warten können. OB Lutz Trümper fordert - zumindest auf diesem Podium - nicht mehr ganz so kategorisch wie noch in den Wochen nach der Flut 2013 den Abschied vom Naturschutzstatus für die Alte Elbe und will ein Gutachten zum Thema abwarten. Denselben Schutzstatus bezeichnet Pro-Elbe-Sprecherin Angela Stephan als "besondere Kostbarkeit", die nicht für kurzatmige, aber auf Dauer wenig wirksame Hochwasserschutzrodungen aufs Spiel gesetzt werden sollte. Stefan Leimer, bei der EU eben für solche Schutzzonen verantwortlich, hält Natur- und Hochwasserschutz nicht für unvereinbar. BUND-Präsident Weiger und Georg Rast vom WWF-Aueninstitut sehen im Gegenteil den Erhalt des naturnahen Flussraums selbst als die dauerhaft wirksamste Hochwasserschutzmaßnahme an (mehr Raum für Flüsse). Der Ton der Diskutanten ist freundlich und wird erst mit Wortmeldungen aus dem Publikum scharf, das auf Staustufen und Bodenversiegelung wie Teufelszeug zu sprechen kommt.

Beifall aber streicht auch Trümper ein, als er feststellt, dass sich die Welt und das Klima ändern und Menschen - z. B. wenn in Ostelbien die Deiche überlaufen - schwer vermittelbar ist, dass sie mit dem Hochwasser leben müssten. "Hier müssen wir den technischen Schutz verbessern, aber klar ist auch, dass es für ein wirksames Gesamtkonzept eine Verständigung aller Anrainer und einen langen Atem braucht." Auch Trümper folgt der Logik, dass der Fluss wieder mehr Raum braucht, nur könne die flussnah dicht besiedelte Elbestadt keinen solchen schaffen.

Rund ums Forum herum bot der Elbekirchentag in Magdeburg Information, Unterhaltung und natürlich auch Raum fürs Gebet - am Sonntagmorgen am ungewöhnlichen Ort. Ein Festgottesdienst wurde auf den Elbstufen gefeiert. Bereits am Abend zuvor hatten sich hier Hunderte zum "Abend am Fluss" mit viel Musik und ein paar Meter weiter zum Nachtgottesdienst auf der Hubbrücke versammelt.

Im Kreuzgang des Doms informierten kirchliche und Naturschutzinitiativen vom Eineweltladen bis zur Initiative für die zivile Nutzung der Colbitz-Letzlinger-Heide am Sonnabend über ihre Arbeit. Rund um die Stände herrschte dichtes Gedränge. Draußen vor den Domtoren hatten die jungen Kirchentagsgäste eine Menge Möglichkeiten zur Betätigung. Besonders viel Zuspruch fand die Floßbauwerkstatt samt Testgewässer (ein aufblasbarer Pool). Claras Wasserfahrzeug (Foto) überstand den Test zum Stolz seiner Erbauerin tadellos und hatte ja vielleicht schon gestern seinen ersten Einsatz im echten Fließgewässer.

Hunderte große und kleine Elbefans strömten zum 12. Elbebadetag an die traditionelle Badestelle am Cracauer Wasserfall. Erstaunlich viele Gäste wagten sich nicht nur bis zur Wade, sondern ganz und gar ins 18 Grad Celsius kühle Wasser. Die dunklen Wolken am Himmel hatten sich pünktlich zum Anbaden um 14 Uhr verzogen und wenigstens zeitweise der Sonne Platz gemacht.

Magdeburg beteiligt sich seit 2002 am Internationalen Elbebadetag (2013 wegen des Hochwassers ausgefallen), mit dem Naturschützer in Tschechien und Deutschland vereint um den Erhalt der naturnahen Flusslandschaft werben. Der Badetag in Magdeburg war am Sonntag zugleich Abschluss des 7. Elbekirchentages. Die Elbe gilt als europaweit einzigartiges Naturschutzgut.

BUND-Präsident Hubert Weiger argumentierte auf dem Elbeforum am Sonnabend im Domgarten: "Wir müssen dieses Kulturerbe verteidigen. Wenn wir das schon nicht schaffen, wie wollen wir dann erst von Brasilien verlangen, dass es seinen Regenwald schützt?"

   

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