Benzingerode l Wenn Frank Kleemann seinen schwarzen Hut aufsetzt und den Hirtenstab nimmt, geht es hinaus auf die Weide. Seine Schäfchen warten schon auf ihn, 1500 an der Zahl. Der Benzingeröder ist Schäfer. Das Fördergeld aus der Landschaftspflege hält den Berufsstand am Leben - und die Leidenschaft für das Leben mit den Tieren.

Denn Schäfer zu sein, ist eine Frage der Einstellung, sagt der 49-Jährige. "Man tut das aus Überzeugung. Wer den Beruf nur wegen des Geldes ausübt, der ist schon seit der Wende nicht mehr dabei." Kleemann ist seit 1985 Schäfer, gelernt hat er in der damaligen LPG "Mitschurin". Geprägt hat ihn das bäuerliche Leben auf dem Hof der Eltern in Benzingerode. "Unsere Familie ist seit ein paar hundert Jahren in der Landwirtschaft", sagt Frank Kleemann. Den Hof bewirtschaftet er mit seiner Frau Heike, die die Leidenschaft für das ländliche Leben teilt - mit Kaninchen, Hühnern und Pferden, die dort zu Hause sind. "Wir sind mit Tieren aufgewachsen, es gehört dazu, dass wir auch jetzt welche haben - man sollte bloß nicht nachrechnen, ob sich das lohnt", sagt Kleemann.

Drohende Arbeitslosigkeit war ein neuer Anfang

Den Lebensunterhalt verdienen er und seine Frau Heike jedoch seit vielen Jahren mit den Schafen. "In der Wendezeit hat sich abgezeichnet, dass die nicht so rentablen Bestände der LPG abgestoßen werden", erinnert sich Frank Kleemann. Dazu gehörten die Schafe. Weil damit sein Job auf der Kippe stand, entschied er sich 1991 für die Selbstständigkeit und erwarb von seinem alten Arbeitgeber die Tiere. Auch aus anderen Betrieben und von Privatpersonen kaufte er sich seine Herde zusammen - in vier Wochen 500 Schafe.

Das war erst der Anfang, denn Schafherden müssen vor allem eins sein - groß. "Wenn man eine gewisse Zahl nicht erreicht, lohnt es sich nicht", sagen die Kleemanns. Sie haben für ihre Herde Weiden von der Wernigeröder Stadtgrenze und Benzingerode über Heimburg bis Elbingerode, Rübeland und Tanne gepachtet. "Für die Schafe bleiben meist die Flächen, die nicht ganz so ergiebig sind", sagt Frank Kleemann.

"90 Prozent der Schäfer leben von der Landschaftspflege. Wo es so etwas nicht gibt, sind keine Schafe mehr." - Frank Kleemann, Schäfer

Dem Naturschutz dient es, wenn die Schafe sich dort satt fressen. Deshalb gibt es für die Schäfer, die ihre Tiere auf geschützten Flächen weiden lassen, Geld aus Landschaftspflegeprogrammen. "Davon leben 90 Prozent der Schäfer", erklärt der Benzingeröder. "Wo es so etwas nicht gibt, sind keine Schafe mehr." Zusätzlich hält die Familie Ziegen. "Die haben wir nur für die Buschflächen", erklärt Heike Kleemann. Am Horstberg, Astberg und Ziegenberg sind sie unterwegs. "Das sind Flächen, mit denen andere nichts anfangen können", sagt die 52-Jährige.

Freizeit gibt es nur selten

Heike Kleemann hat Konditorin gelernt, gab jedoch den Beruf auf, um mitanzupacken. "Mir hat das gleich Freude bereitet." Auf dem Hof arbeiten alle Generationen zusammen, die Großmutter ebenso wie der erwachsene Sohn. Ein Mitarbeiter gehört dazu. "Er ist schon fast ein Familienmitglied", sagt Frank Kleemann. Ohne Zusammenhalt geht es nicht. "Stundenlöhne brauchen wir gar nicht erst auszurechnen. Das verdirbt einem sonst den Spaß", sagt Frank Kleemann.

Freude bereitet ihm die Arbeit mit den Tieren. "Jeder Tag bringt etwas Neues", so der Benzingeröder. Die Schafe verbringen die Wintermonate im Stall, im Frühjahr gehen sie auf die Weide - auch die Lämmer, die meist im März und April zur Welt kommen. "Man ist viel draußen. Und man freut sich, im Frühjahr hinauszugehen, aber auch, im Winter wieder hereinzukommen", sagt er. Die Herde dreht im Laufe mehrerer Monate eine Runde über die Pachtflächen der Kleemanns. Meist grasen sie auf einer abgesteckten Koppel. Wo das nicht geht, wird mithilfe von Hunden ganz traditionell gehütet. Damit sie immer genug zu fressen haben, wechseln sie täglich die Weidefläche. Zu tun ist immer. "Sind die Schafe da? Haben sie Wasser? Steht der Zaun?", zählt Frank Kleemann auf. Da müssen Mutterschafe gemolken und Klauen geschnitten, Heu und Stroh für den Winter vorbereitet und Zäune repariert werden. Wenn die Schafe in den Stall kommen, werden sie geschoren. "Dann ist mehr Platz im Stall, wo es ohnehin warm ist, und die Tiere schwitzen nicht so", erklärt Heike Kleemann.

Bei all der Arbeit sind freie Tage oder Urlaub nur selten drin. "Wenn Heuwetter ist, kann ich mich nicht in die Sonne legen oder ins Freibad gehen", sagt Heike Kleemann. Ihr Mann ergänzt: "Im Herbst kann man vielleicht ein paar Tage freinehmen." Doch Arbeit und Freizeit, Pflicht und Vergnügen gehen auf dem Hof Hand in Hand. "Ich kenne es nur so", sagt Frank Kleemann und lächelt zufrieden.