Der Atommüll in Morsleben
Auf der vierten Ebene in 500 Metern Tiefe lagern insgesamt 36754 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle. 30 Prozent der Abfälle stammen aus Kernkraftwerken der DDR, 60 Prozent aus westdeutschen AKWs. Weitere 10 Prozent stammen aus der Industrie, Forschung und von der Bundeswehr.

Bei den festen Abfällen handelt es sich unter anderem um radioaktiv verunreinigten Bauschutt, Textilien, Isoliermaterialien und Rohrleitungen. Bei den flüssigen Abfällen handelt es sich um Filter- und Verdampferkonzentrate, die verfestigt wurden.Zudem lagern im Salzstock 6617 ausgediente Strahlenquellen.

Lediglich zur Zwischenlagerung befinden sich in Morsleben ein Fass mit Radium-226-Abfällen und in Spezialcontainern verpackte Kobalt-60-Strahlenquellen. Für sie gibt es keine Genehmigung, in Morsleben endgelagert zu werden.

Quelle: BfS

Morsleben l Bevor sich die stählernen Türen der Förderanlage im Schacht Bartensleben schließen, tritt noch ein Mitarbeiter hinzu: "Glück auf!", grüßt er. Ein Hauch Bergwerks-Tradition darf wohl in einem Salzstock nicht fehlen - selbst wenn, wie in diesem Fall, schon lange kein Kali- oder Steinsalz mehr gefördert wird. Es geht vielmehr darum, schwach- und mittelradioaktive Abfälle möglichst sicher zu verstauen.

Nach einem Warnsignal rauscht der angerostete Stahlkäfig in die Tiefe. Und damit in eine Unterwelt von gigantischem Ausmaß: Allein das Tunnelnetz zwischen den Dutzenden ehemaligen Abbaukammern hat eine Gesamtlänge von rund 50 Kilometern. Das entspricht etwa der Distanz zwischen Magdeburg und Halberstadt. Viele der Tunnel, die sich über vier Ebenen dahinschlängeln, sind so breit, dass sie auch mit schweren Baumaschinen befahren werden können.

Die Grundsatz-Entscheidung, den Salzstock für die Lagerung von Atommüll zu nutzen, fiel bereits im Jahr 1970. Wie im Westen sprach man auch im Osten zu dieser Zeit nicht allzu viel über Risiken, die von strahlenden Quellen ausgehen. Auch der Wissensstand über die Beschaffenheit von Salzstöcken wie Morsleben war ein anderer, als er heute ist. Experten sind sich mittlerweile darüber einig, dass Atommüll nicht in Salzstöcken gelagert werden sollte, in denen zuvor Salze kommerziell gefördert wurden. Ist ein Salzgestein erst einmal durchlöchert wie Schweizer Käse, droht es früher oder später einzustürzen. Und es wird viel komplizierter, abzuschätzen, wie sich das Gestein mit seinen Kammern im Laufe der Jahre verformt.

Weitgehender Konsens besteht bei Wissenschaftlern auch darin, dass strahlender Müll nicht in Salzstollen liegen sollte, durch die früher oder später Grundwasser dringen könnte. Würde dies anschließend wieder an die Erdoberfläche gelangen, könnte es Strahlung freisetzen und damit Menschen und die Umwelt schädigen. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hat mit Morsleben nun ein schweres Erbe übertragen bekommen, denn beide Problematiken - durchlöchertes Salzgestein und eindringendes Grundwasser - liegen grundsätzlich vor. Bereits zwischen 2003 und 2011 ließ das Amt zur "bergbaulichen Gefahrenabwehr" 27 Hohlräume im Zentralteil des Bergwerks mit Salzbeton verschließen - es drohte Einsturzgefahr.

Verseuchtes Wasser braucht 7500 Jahre bis nach oben

Überdies sickert auch Grundwasser ein, weil ein kleiner Teil der Gesteinsschicht oberhalb des Salzstocks wasserdurchlässig ist. Das ist zwar im laufenden Betrieb kein Problem, weil es abgepumpt wird, kann aber zu einem Problem werden, wenn das Bergwerk samt Atommüll stillgelegt und für die Nachwelt unzugänglich verschlossen werden soll.

1992 und 2005 prüfte das BfS deshalb die Option, die knapp 37000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiven Abfälle wieder aus den Kammern rauszuholen. Bis heute heißt es hierzu offiziell vom BfS: "Es ist sicherer, den Müll im Bergwerk zu belassen, als ihn an die Oberfläche zu holen." Ob das Amt bei seiner Haltung bleibt, ist abzuwarten. In manchen Fachabteilungen gibt es Stimmen, ein weiteres Gutachten zur Rückholung anzufertigen.

Sie haben sich zuletzt wohl auch deshalb gehäuft, weil das BfS mit seiner Konzeption zur Stilllegung des Bergwerks nicht vorankommt. Die Konzeption sieht grundsätzlich vor, 75 Prozent der Kammern mit Salzbeton zu verschließen. Ferner sollen Tunnel zu den Kammern mit Atommüll mit 22 speziellen Betonabdichtungen verbaut werden, die insbesondere eindringendes Wasser abhalten. Das BfS geht aber schon heute davon aus, dass sämtliche Baumaßnahmen das Wasser nicht für immer zurückhalten können. Sie sollen es nur so lange weghalten, wie der Müll noch verhältnismäßig stark strahlt. Das Amt kalkuliert, dass dann in 7500 bis 9000 Jahren leicht belastetes Grundwasser aus dem Salzstock an die Erdoberfläche drängen könnte.

Seit 1990 sind 1,1 Milliarden Euro ins Endlager geflossen

In der Konzeption bezeichnen die BfS-Experten das Endlager trotzdem als langzeitsicher, weil die prognostizierte Strahlenbelastung weit unter dem Grenzwert von 0,1 Millisievert pro Jahr liegen soll. Zum Vergleich: Die natürliche Strahlenbelastung für den Menschen liegt je nach Aufenthaltsort zwischen 2 und 3 Millisievert pro Jahr - in Ausnahmefällen beträgt sie sogar 10 Millisievert.

Das BfS kommt - obwohl die prognostizierten Werte nicht gerade problematisch klingen - trotzdem keinen Schritt weiter. 2005 stellte es erstmals beim Umweltministerium in Sachsen-Anhalt den Antrag auf Stilllegung. 2007 und 2009 musste das BfS Nacharbeiten am Konzept vornehmen und weitere Sicherheitsanalysen liefern. Zudem bekam die Öffentlichkeit in dieser Zeit Einblick in die Pläne. In diesem Jahr sollte nun endlich die Genehmigung kommen, doch daraus wird nichts.

Die Entsorgungskommission des Bundes (ESK) kam vor kurzem zu dem Schluss, dass die Konzeption zur Stilllegung im Hinblick auf die Langzeitsicherheit nicht mehr auf dem neuesten Stand der Wissenschaft sei. Mit anderen Worten: Die jetzigen Pläne und Studien belegen nicht ausreichend, ob wirklich nur geringe Mengen an Strahlung in mehreren Tausend Jahren austreten. Das war Grund genug für das hiesige Umweltministerium, als zuständige Genehmigungsbehörde die Stilllegung aufzuschieben. Vom BfS heißt es, dass es Jahre dauern wird, die Pläne wie gewünscht zu aktualisieren - falls dies überhaupt gelingt und nicht erneut angemahnt wird, alles ein weiteres Mal zu überarbeiten.

Zu allem Überfluss hat das BfS festgestellt, dass die Konzeption der Betonabdichtungen für die Kammern mit Atommüll überarbeitet werden muss.

Bei einem Versuchsbau im Salzstock in Morsleben hat sich ein Riss im Salzbeton gebildet, der nicht hätte entstehen dürfen. Auch ein Versuchsbau mit Magnesiumbeton ist schiefgelaufen - hier bildeten sich im Bauwerk Hohlräume. Die Wissenschaftler müssen nun erst einmal prüfen, welche Betonmischung denn alternativ zum Einsatz kommen könnte. Offiziell beteuern BfS wie Umweltministerium weiterhin, dass alle Probleme lösbar seien - alles nur eben länger dauere. Es drängt sich aber auch der Verdacht auf, dass man im BfS wie im Umweltministerium gravierende Entscheidungen lieber aussitzen und in die Zukunft abschieben will. Das gilt für die Frage der möglichen Rückholung des Atommülls ebenso wie für die endgültige Entscheidung zur Stilllegung.

Der Steuerzahler muss das ausbaden: Seit 1990 sind 1,1 Milliarden Euro in das Endlager Morsleben geflossen. Nach derzeitigem Planungsstand würde die Stilllegung weitere 1,2 Milliarden Euro kosten. In der Rechnung nicht enthalten sind die Kosten für die jüngsten Verzögerungen und technischen Probleme.

Und: Selbst wenn das Ministerium die Stilllegung genehmigen würde, könnten Gegner noch einmal über alle Instanzen klagen, den Baubeginn noch weiter hinauszögern und Kosten weiter in die Höhe treiben. Vor diesem Hintergrund klingt der Spruch "Glück auf!" ziemlich bitter.

Das Bundesamt für Strahlenschutz startet am kommenden Dienstag in der Infostelle Morsleben die Reihe "Betrifft: Morsleben". Thema von 18 bis 20 Uhr: Aktuelle Ergebnisse der Überwachungsmaßnahmen.

   

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