An diesem Wochenende trifft Stephan Schack viele seiner Kameraden wieder. Er war in der DDR Bausoldat, einer von etwa 15000, die im Laufe von 25 Jahren die Schulterstücke mit dem Spaten trugen. Den Dienst mit der Waffe hatten sie verweigert. Der Bausoldatenkongress in der Lutherstadt Wittenberg will daran erinnern.

Stephan Schack sitzt in der Bibliothek der Evangelischen Akademie Wittenberg. Er ist Mitorganisator, geht noch einmal die inhaltlichen Schwerpunkte des Kongresses durch: die Geschichte der Bausoldaten, Wege zur Bürgerbewegung, Friedensimpulse für die Gegenwart. Schack schaut auf seine auf dem Tisch liegenden Hände, so als fände er bei ihnen die richtigen Worte. "Wir ahnten nicht, wie aktuell unser Treffen sein würde", sagt er und nennt die Stichworte Irak, Ukraine, Gaza-Streifen.

Die jüngste Beratung im Bundestag macht ihm zu schaffen. "Wie können die Abgeordneten ausgerechnet an solch einem Tag wie dem 1. September dem Export von Waffen zustimmen?", fragt er. An diesem Tag vor 75 Jahren überfiel Deutschland Polen. Er gilt heute alljährlich als Antikriegstag. Für Stephan Schack hat es eine bedenkliche Symbolkraft, wenn sich an diesem Tag der Bundestag mehrheitlich für den Waffenexport in eine Krisenregion ausspricht.


Da ist der ehemalige Bausoldat nicht kompromissbereit. Wer Gewalt mit Gewalt bekämpft, dreht die Gewaltspirale nur weiter. Statt Soldaten und Waffen in solche Krisengebiete zu schicken, sollte lieber eine Polizeitruppe dort eingreifen und die bewaffneten Kräfte entwaffnen.

Seine Ablehnung von Waffen und Gewalt ist hausgemacht und langsam gewachsen. Zu einem Kindergeburtstag habe er einen Panzer geschenkt bekommen. Von einem Klassenkameraden. Das Gefährt sei schnell kaputtgegangen, erinnert sich Schack. Und er lässt offen, wie und warum das so bald geschah. Mit Kriegsspielzeug hatte die Familie des evangelischen Theologen Eckhard Schack nichts am Hut. Und so ist auch Sohn Stephan - von der erwähnten Ausnahme mal abgesehen - ohne Waffen im Kinderzimmerformat aufgewachsen.

Als Jugendlicher hatte er dann doch einmal zu einer Maschinenpistole gegriffen. Gezwungenermaßen, denn zur Kellner-Lehre im Interhotel Jena und in der Berufsschule gehörte die regelmäßige vormilitärische Ausbildung in der GST, der Gesellschaft für Sport und Technik. "Bei einem solchem Einsatz habe ich geschossen. Und von da an wusste ich, dass ich dies nie wieder tun werde."


Er verweigerte sich weiteren Schießübungen, was für ihn und seine Ausbildung ohne Folgen blieb. Dass es bei anderen Jugendlichen nicht so war, weiß er aus vielen Berichten. Ihn mag sein christliches Elternhaus geschützt haben, auch, dass ein, zwei Leute die Hände über ihn gehalten haben. Zudem entzog er sich als Pfarrerssohn weder der Jugendweihe noch der Mitarbeit bei den Jungen Pionieren und später in der FDJ. Sogar Leitungsfunktionen hatte er in beiden Organisationen übernommen. Kurioserweise war es die Parteisekretärin im Jenaer Interhotel, die zum Missfallen der FDJ in Jena seine Mitarbeit in der FDJ-Leitung des Hotels unterband.

Als christlicher Jugendlicher schloss sich Schack schließlich der CDU an. "Ich habe das Land immer mitgestalten wollen", blickt er zurück. Den bewaffneten Dienst in der NVA verweigerte er allerdings, wie bereits die Schießausbildung. Er verwies auf seine christliche Überzeugung und das von Luther aufgeschriebene fünfte Gebot "Du sollst nicht töten". Die Musterungskommission nahm die Weigerung zur Kenntnis. Ein fauler Kompromiss, sagt Schack heute. Weil er auch als Bausoldat militärisch gedrillt wurde, vor allem aber, weil er mithalf, den militär-strategisch wichtigen Fährhafen Mukran zu errichten und dabei sogar noch Geld für die bewaffneten Streitkräfte zu erarbeiten. Eine Totalverweigerung hätte jedoch eine Haftstrafe nach sich gezogen. Etwa 6000 Verweigerer schreckte diese Konsequenz nicht.

Mit 19 wurde Stephan Schack zu den Bausoldaten nach Prora eingezogen. Kürzlich erinnerte er sich vor der Kamera des MDR an diesen Tag: "Als dieses Kasernentor hinter mir zuschlug, wurde mir bewusst, dass das einer der schwärzesten Momente meines Lebens war." Noch ahnte er aber nicht, was auf ihn zukam. Der eintönige Tagesablauf: 4.30 Uhr Wecken, Waschen, Frühstück; 6 Uhr Abfahrt zur Baustelle Fährhafen Mukran, Arbeiten bis 17 Uhr; 18 Uhr Abendessen, danach bis 21Uhr Freizeit. "Wir wurden nicht als Menschen behandelt", erzählt der frühere Bausoldat. Das war das Schlimmste.


Die meisten seiner Kameraden in Prora waren älter, wurden erst eingezogen, wenn sie Familie hatten. Aus Schikane und weil es sie erpressbar machte. Einem seiner Kameraden sei zum Beispiel der Weihnachtsurlaub gestrichen worden, nur weil er beim Marschieren aus dem Tritt geraten war. Seine drei Kinder und seine schwangere Ehefrau hätten deshalb allein unterm Weihnachtsbaum gesessen.

"Nach Prora wusste ich, in diesem Land muss sich etwas ändern", bezieht Schack den Ausspruch des Bürgerrechtlers Ralf Hirsch auch auf sich. Er habe begonnen, Eingaben zu schreiben, damals gegen das System NVA, später auch zu anderen Missständen. Nach der Rückkehr aus Prora arbeitete er weiter als Kellner, zuletzt als Oberkellner im "Russischen Hof" in Weimar, der Eigentum der CDU war.

Er suchte und fand Anschluss an die Bürgerbewegung, wurde 1989 zum Mitbegründer des Neuen Forums im Bezirk Gera, arbeitete in der neu geschaffenen Zivildienstverwaltung des Bezirkes Gera, dann in der Evangelischen Akademie Thüringen, er studierte Sozialpädagogik in Jena und ist heute bundesweit als freiberuflicher Trainer und Berater für Demokratiepädagogik, Interkulturelle Verständigung, Partizipation tätig. Heute lebt er in Naumburg.

Auch seinen Kindern - Jakob (22), Sara (20) und Ninja (11) - gibt er seine Überzeugung weiter. Dass sein Ältester, der künftige Grafikdesigner, den Wehrdienst verweigert hätte, macht ihn sichtlich stolz. Aber wenn er über die Familie hinausschaut, stimmt es ihn nachdenklich, wie wenig in der Gegenwart von der großen Friedensbewegung früherer Jahrzehnte zu spüren ist. Schack sagt: "Ich habe in mir eine reale Angst vor Krieg. Das macht mich sorgenvoll."

 

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