Magdeburg l Vor zehn Jahren startete in Sachsen-Anhalt die "Hausarztzentrierte Versorgung" (HZV) als Pilotprojekt für die Bundesrepublik. Hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich ein Modell, nach dem der Hausarzt eine Lotsenfunktion für den Patienten erfüllt. Die Bilanz, die die Initiatoren AOK, IKK gesund plus, Kassenärztliche Vereinigung und Hausärzteverband am Freitag in Magdeburg ziehen können, fällt durchweg positiv aus.

Über 1300 Hausärzte der sachsen-anhaltischen Zunft nehmen teil, das sind 90 Prozent aller Mediziner dieses Berufszweiges. Sie betreuen im Versorgungssystem rund 500000 Versicherte, das sind 40 Prozent aller Krankenversicherten im Lande. Zu den beiden Start-Krankenkassen sind zahlreiche Ersatzkassen und BKK hinzugekommen - das Gros der Kassen bietet damit das Hausärzte-System an. "Ich bin richtig neidisch", sagt Prof. Dr. Thomas Lichte. Er ist nicht nur Ko-Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, sondern betreibt auch eine Landarztpraxis in der Lüneburger Heide. Und im Nachbarland Niedersachsen gibt es ein solches System wie in Sachsen-Anhalt nicht.

"Ältere Patienten erhalten mitunter bis zu 15 verschiedene Arzneien." - Prof. Thomas Lichte, Lehrstuhl- inhaber an der Uni Magdeburg

Lichte hat das hiesige Modell genauer unter die Lupe genommen. Seine Thesen beschreiben, was es Patienten und Ärzten bringt. Da wäre die verbesserte Versorgungsqualität: Gefährliche Arzneimittelkombinationen hätten um 14 bis 18 Prozent verringert werden können. "Nicht wenige ältere Patienten erhalten bis zu 15 verschiedene Arzneimittel. Damit sind über 200 Interaktionen möglich", erläutert Lichte. "Durch die Wahl eines festen Hausarztes wird sein Informationsstand über Krankheitsbild, Befinden und Ressourcen des Patienten erhöht."

Wichtig sei auch die Steuerungsfunktion des Hausarztes: Nach Wegfall der Praxisgebühr ließen sich zwei Drittel der Versicherten im Hausarzt-System weiter von diesem zum Fachmediziner überweisen, von den anderen Versicherten waren es deutlich weniger. Als weiteren Vorteil nennt Lichte die zusätzlichen Früherkennungsuntersuchungen. Explizit für die Mediziner wichtig: Laut Lehrstuhlinhaber Lichte hat jede dritte Hausarztpraxis eine Versorgungsassistentin. Das sind weiterqualifizierte medizinische Fachangestellte, die dem Arzt zahlreiche Aufgaben in der Praxis abnehmen - der Mediziner gewinnt mehr Zeit für die Patientenbetreuung.

Burkhard John, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung, liefert dazu Zahlen: "20 Millionen Euro stehen für die Versorgungsassistentinnen zur Verfügung, das sind 15000 Euro pro Praxis und Jahr."

Das Hausärzte-System entstand als Reaktion auf den demografischen Wandel. Vor allem die wachsende Zahl der Versicherten im höheren Lebensalter und somit häufigeren und mehr chronischen Erkrankungen sollen dadurch eine optimale Betreuung erhalten.

Deshalb sind mehr als 40 Prozent aller Patienten im Programm für Stefan Andrusch, Chef des Landesverbandes der Hausärzte, eine gute Zahl, auch weil das System die unter 18-Jährigen nicht einschließt. Potenzial nach oben für die kommenden Jahre sieht der Hausärzte-Vertreter allerdings schon, einige Kassen seien noch nicht dabei. "50 bis 60 Prozent aller Versicherten" im Hausärzte-System hält Andrusch für realistisch.

"Im Gesundheitswesen muss nicht alles einheitlich gemacht werden." - Uwe Deh, Co-Chef der Bundes-AOK

Darauf kommt es Uwe Deh nicht an. Er hat als AOK-Chef in Sachsen-Anhalt das Modell mit initiiert, heute ist er Ko-Geschäftsführer des AOK-Bundesverbandes. "Im Gesundheitswesen muss nicht alles einheitlich und gemeinsam gemacht werden." Wenn man in Sachsen-Anhalt nicht einfach gestartet wäre, hätte es das Hausärzte-System nicht gegeben.

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