Halberstadt l Der kleine Osman kann künftig zweimal im Jahr Geburtstag feiern. Nicht nur am 23. Juli, sondern auch am 12. September. Seinen zweiten Geburtstag verdankt der kleine Halberstädter Maria Doreen Necke, Charilaos Kolovvos, Dimitrios Vavakas und Alexander Rutz. Die vier Halberstädter haben dem Siebenjährigen mit einer mutigen Aktion das Leben gerettet und sind in der Harzstadt zu Helden geworden. Das Quartett zögerte am Freitagnachmittag keine Sekunde, um den Jungen, der in panischer Angst schon auf dem Fensterbrett der brennenden Wohnung stand und springen wollte, zu retten. Dank ihres Mutes erlitt der Junge beim Sprung aus rund sieben Metern Höhe nur leichte Blessuren und konnte am Montag bereits wieder zur Schule gehen.

"Der Brand ging von der Unterhaltungselektronik aus."
Peter Pogunke, Polizeisprecher


Dimitrios Vavakas vom Restaurant "Saloniki" hat die dramatischen Momente kurz nach 16.30 Uhr noch vor Augen, als wären sie gerade eben passiert. "Ich kam gerade in den Innenhof gefahren, da habe ich den schreienden Nachbarsjungen im Fenster stehen sehen", berichtet der 27-Jährige. Der Kellner und seine Kollegin Maria Doreen Necke zögern keine Sekunde. Sie springen aus dem Auto, schlagen Alarm und rufen aus der Küche ihres Restaurants Koch Kolovvos hinzu. Obendrein steht plötzlich Alexander Rutz aus dem Nachbarhaus neben ihnen.

Der 56-Jährige hatte Augenblicke vorher gerade vor dem Fernseher gesessen, als er plötzlich Brandgeruch wahrnimmt. "Ich bin raus auf meinen Balkon und habe den Jungen auf dem völlig verqualmten Nachbarbalkon gesehen", berichtet er. Der Versuch, den Kleinen kurzerhand auf seinen Balkon rüberzuziehen, misslingt jedoch. Während sich der Junge ins Schlafzimmer auf der Rückseite des Neubaublocks rettet, rast der 56-Jährige in den Hof, wo er die übrigen drei Retter trifft.

Die vier entscheiden blitzschnell und richtig. Alexander Rutz und Dimitrios Vavakas klingeln im Nachbarhaus Sturm, hasten die Treppe rauf und werfen sich mit aller Gewalt gegen die massive Tür, die erst nach dem sechsten Versuch krachend nachgibt. Koch Charilaos Kolovvos und Maria Doreen Necke versuchen derweil, das auf dem Fenstersims stehende Kind zu beruhigen und zum rettenden Sprung zu überreden. Osman hat bereits ein Kissen runtergeworfen - als die schwere Wohnungstür krachend aus den Angeln fällt, nimmt der Junge seinen ganzen Mut zusammen und springt aus sieben Metern Höhe geradewegs in die Arme seiner Lebensretter.

Rutz und Vavakas kämpfen sich derweil durch die völlig verqualmte Wohnung. "Ich war früher selbst bei der Jugendfeuerwehr in Gröningen - so etwas habe ich aber noch nicht erlebt. Wir hatten Panik, weil wir im Dunst der Wohnung das Kind nicht mehr gefunden haben", erzählt Vavakas. Augenblicke später können die beiden, die sich ebenso wie Osman leichte Rauchgasvergiftungen zugezogen haben, aufatmen: Der Junge ist bereits gesprungen und in Sicherheit.

Die 32 Feuerwehrleute aus Halberstadt, Harsleben und Langenstein, die wenig später mit der Drehleiter anrücken, haben den Brand im Wohnzimmer rasch unter Kontrolle. "Der beißende Qualm war das Schlimmste", sagt Einsatzleiter Ingo Wetzel. Der habe das ganze Treppenhaus des Neubaublocks eingenebelt. Das Feuer, so die Vermutung des Brandoberinspektors, könnte im Bereich der Heimelektronik ausgebrochen sein. Eine Vermutung, die auch Osmans Vater laut ausspricht. "Der Fernseher war eingeschaltet, während unser Junge kurz auf die Rückkehr seiner Mutter warten sollte." Polizeisprecher Peter Pogunke bestätigt dies am Montag: "Der Brand ist im Wohnzimmer entstanden, wegen eines Defekts an der Unterhaltungselektronik. Eine Fremdeinwirkung oder eine offene Flamme sind ausgeschlossen."

Die betroffene Familie ist zunächst bei Bekannten untergekommen, der kommunale Vermieter hat seine Unterstützung zugesichert. Die Stadtverwaltung Halberstadt plant derweil eine Ehrung für die vier Retter. "Der Oberbürgermeister wird ihr mutiges Handeln zusammen mit dem Leiter des Polizeireviers würdigen", kündigt Stadtsprecherin Ute Huch an.

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