Magdeburg l Trotz ihrer 82 Jahre ist Lore Kodel noch sehr aktiv. Regelmäßige Treffen mit Freundinnen, Reisen und tägliche Zeitungslektüre halten sie fit. "Das Leben macht Spaß", sagt sie. Im Haushalt macht sie fast alles alleine. Bis vor kurzem sei sie auch noch regelmäßig Fahrrad gefahren. Dann diagnostizierten Mediziner bei ihr eine Verkalkung der Aortenklappe. Das Herz kann nicht mehr die normale Menge Blut durch den Körper pumpen. Ein Folge: Erkrankte fühlen sich schlapp, der Körper fährt nur noch mit halber Kraft. "Ich habe gemerkt, dass ich mich schon nach 50 Metern ausruhen musste", erinnert sich Kodel.

Die so genannte kalzifizierende Aortenklappenstenose - so der medizinische Name - ist die häufigste Form der Klappenerkrankungen. Drei bis fünf Prozent der mehr als 75-Jährigen leiden gar unter einer hochgradigen Form. Derzeit werden bundesweit aus diesem Grund jährlich mehr als 12 000 Operationen durchgeführt. Zu den Risikofaktoren gehören unter anderem Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen. Symptome können sein: Brustschmerz, Luftnot, Ohnmacht.

Ein Problem der Vergangenheit war, dass Eingriffe am Herzen schwere Operationen sind. Noch vor zehn Jahren wurden etwa ein Drittel aller Patienten als Hochrisiko-Patienten abgelehnt. "Das hat sich inzwischen geändert", sagt Prof. Dr. Rüdiger Braun-Dullaeus, Direktor der Kardiologie. Der Grund dafür sind minimal-invasive Eingriffe, wie sie im Herzkatheterlabor der Magdeburger Universitätsklinik durchgeführt werden. Ein Team aus Kardiologen führt diese Operationen durch.

Lore Kodel wird gegen 9 Uhr in den OP-Saal geschoben. Der Eingriff wird nicht mehr als zwei Stunden dauern. Rückwärts über die Körperschlagader wird in Höhe der Leistengegend ein Draht bis zum Herzen gelegt. An diesem Draht wird später die künstliche Aortenklappe bis zum Herzen transportiert (siehe Foto), wo sie die alte, verkalkte Klappe ersetzen wird. Ein großer Schnitt in Höhe des Brustkorbes ist nicht mehr nötig. Wenn die Beckengefäße zu stark verkalkt sind, kann alternativ der Herzchirurg die Klappe auch direkt nach einem kleinen Brustwandschnitt über die Herzspitze vorbringen. Welche Therapie die Beste ist, wird gemeinsam im Herzteam diskutiert und dann dem Patienten vorgeschlagen.

Vor so einem Eingriff werden intensive Gespräche geführt. "Wichtig ist, dass die Patienten noch aktiv sind und Spaß am Leben haben", sagt Braun-Dullaeus. Oft müssen sich Mediziner den Vorwurf anhören, jeden Patienten unbedingt operieren zu wollen. "Wir müssen natürlich abwägen. Wir haben schon 90-Jährige operiert und 60-Jährige abgelehnt", sagt er. Im Jahr operieren die Kardiologie und die Herzchirurgie in etwa 100 Patienten nach der minimal-invasiven Methode.

Die Kardiologe ist Teil des im Mai neu gegründeten Gesundheitscampus Immunologie, Infektiologie und Inflammation der Otto-von-Guericke-Universität (OVGU). Er widmet sich der Erforschung von Entzündungen als Ursache zahlreicher Volkskrankheiten. Über den neuen Schwerpunkt wird die OVGU jährlich sieben Millionen Euro an zusätzlichen Drittmitteln einwerben. Außerdem wird die Medizinische Fakultät ab dem Wintersemester 2015/16 den nach eigenen Aussagen bundesweit einmaligen Masterstudiengang "Immunologie" einführen. Insgesamt gibt es an der medizinischen Fakultät der OVGU etwa 19 Kliniken und Institute, die auf dem neuen Gesundheitscampus zusammenarbeiten. Das ist bundesweit einmalig.

Was hat der neue Campus mit der Verkalkung der Aortenklappen von Lore Kodel zu tun? Die Forschung zeigt, dass chronische Entzündungen zur Entstehung von Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs beitragen.. "Die Gesellschaft wird immer älter. Wir sehen die demografische Entwicklung als Chance und Sachsen-Anhalt als Modellland", sagt Kardiologe Braun-Dullaeus.

Verkalkung ist dabei eine etwas irreführende Bezeichnung. Denn ursächlich ist eine Entzündung der Gefäßwand, ausgelöst durch sogenannte Risikofaktoren wie zu hohe Cholesterin Werte im Blut, Rauchen, Diabetes oder Bluthochdruck. Diese Entzündung führt zu weiteren Ablagerungen und zum Verschluss des Gefäßes. Beim Herzen führt das zum Herzinfarkt, beim Hirn zum Schlaganfall. Beide Erkrankungen sind laut Statistik für 42 Prozent der Todesfälle in Deutschland ursächlich. "Wir wollen diese Erkrankungen frühzeitig erkennen, verstehen und behandeln", sagt Braun-Dullaeus.

So sei beispielsweise noch nicht klar, warum Männer ein höheres Herzinfarkt-Risiko besitzen als Frauen. Als Beispiel nennt der Kardiologe einen Fall von einem 22-Jährigen, der mit Infarkt eingeliefert wurde und überlebte. "Neben der Erforschung der Ursachen ist für uns Zeit ein wichtiger Faktor", sagt Braun-Dullaeus. So habe man mit einer verbesserten Notarztkette, der Möglichkeit der sofortigen Wiedereröffnung des verschlossenen Herzkranzgefäßes im Herzkatheterlabor zu jeder Tages- und Nachtzeit und mit besseren Medikamenten die Sterblichkeitsrate massiv drücken können. "Viele sterben aber auch, weil sie zu spät zum Arzt gehen, Symptome nicht erkennen", sagt der Mediziner.

Einen Tag nach ihrer OP geht es Lore Kodel nach eigenen Aussagen blendend. "Ich hatte Angst vor der OP. Dass es mir heute schon wieder so gut geht, hätte ich nicht gedacht", sagt sie. "Jetzt fahre ich zur Kur." Wenn Sie wieder gesund sei, wolle sie etwas gemeinsam mit ihren Freundinnen unternehmen.

 

Bilder