Magdeburg l Die neue Süd-Schleuse Wusterwitz zwischen Genthin und Brandenburg gehört zum Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nummer 17. Mittelland- und Elbe-Havel-Kanal werden ausgebaut sowie mit modernen Schleusen ausgerüstet, damit auch schwere Frachtschiffe zwischen Ruhrgebiet und Berlin pendeln können. 2012 wurde der Betonkoloss der Schleuse gegossen. Die geplante Freigabe im Spätsommer 2013 fiel allerdings ins Wasser, da ein Schleusentor klemmte. Ende des Jahres 2013 schien alles im Lot, als der Bauaufsicht plötzlich eine eigenartige Stelle in der Schleusenwand auffiel: Der Beton bröselte ab und war heller als normal. Der für den Sommer 2014 angesetzte Start platzte auch.

Bundesbehörden gaben sich bislang wortkarg

Die Schifffahrtsverwaltung ließ daraufhin die gesamten 2400 Quadratmeter großen Betonflächen untersuchen. Resultat bislang: An etwa 1000 Stellen bröselt der Beton. Die Weichstellen sind oft nur kokosnuss-groß - mitunter aber auch bis zur vier Meter lang und einen halben Meter hoch. Ausmaß, Ursachen und Reparaturumfang sind bislang ungewiss. Genauso ungewiss, wie ein neuer Starttermin für die neue Schleuse.

Die Bundesbehörden gaben sich bislang wortkarg. Informationen über die Panne sickerten erst jetzt durch. Das Bundesverkehrsministerium räumte auf Anfrage der Volksstimme ein: "Es wurden Fehlstellen im Beton der Schleusenwände festgestellt." Weitere Fragen wurden knapp mit dem Hinweis beschieden, dass noch Untersuchungen erfolgen, die mehrere Monate in Anspruch nehmen.

90 Kilometer Umweg über Elbe und Havel

Auch die Binnenschiffer fühlen sich von der Wasserstraßen-Generaldirektion in Bonn und Magdeburg schlecht informiert. "Wir erfuhren erst Ende August durch den Buschfunk davon", ärgert sich Jörg Rusche, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt in Duisburg. "Die Verzögerungen machen uns große Sorgen." Denn: Die alte aus dem Jahr 1930 stammende Nord-Schleuse Wusterwitz muss auch dringend repariert werden.

Das soll im März 2015 passsieren - bis dahin ist die Süd-Schleuse aber nicht fertig. Die Folge: Der Kanal wird drei Wochen lang gesperrt. Die Schiffe müssen über Elbe und Havel einen 90 Kilometer langen Umweg fahren. Die Havel ist aber für schwere Frachtschiffe, die etwa den Berliner Kraftwerken Kohle bringen, gar nicht mehr zugelassen. Der Verband fordert daher Ausnahmen, andernfalls drohen Millionenausfälle.

Auf der Suche nach Schwachstellen in der neuen Schleuse wurde die Bundesanstalt für Wasserbau eingeschaltet. Die Wände wurden abgeklopft, sie wurden mit Wasser abgestrahlt, sogar Ultraschall kam zum Einsatz. An einigen Punkten ließen die Experten die Wände aufbohren. Vorläufiges Fazit: Der Kern scheint fest. Die Weichstellen treten an der Oberfläche auf. Was dennoch mehr ist als ein Schönheitsfehler. Denn: In den Wänden steckt Stahl. Der muss tief genug im Beton liegen, damit er nicht rostet. Platzen auch nur einige Zentimeter der obersten Betonschicht ab, wird der Stahl nach einigen Jahren korrodieren und der Beton bersten.

Eine mit Bröselstellen übersäte Schleusenwand ist ein Novum in der Geschichte des Wasserstraßenbaus. Fachleute stehen vor einem Rästel. Lag es am Verfahren? Wusterwitz ist die erste Schleuse, deren Wände innerhalb weniger Tage in einem Zug gegossen wurden. So vermeidet man verschleißanfällige Fugen, wie sie beim blockweisen Betonieren auftreten. Bei dem Frisch-in-Frisch-Verfahren werden Chemikalien, sogenannte Verzögerer eingesetzt, damit der Beton nicht zu schnell fest wird. Gab es Probleme bei der Mixtur? Dagegen spricht, dass der Kern der Wände in Ordnung ist. Betonkrebs wird ausgeschlossen.

Gab es Schludereien? Klar ist, dass mit höchster Akribie gearbeitet werden muss, damit Beton die gewünschte Festigkeit bekommt. So muss die Mischung sorgfältig gerüttelt werden und es darf nicht zu viel auf einmal in die Schalung gelangen. Nicht immer läuft alles perfekt: In Wusterwitz aber treten die Fehler so massiv auf, dass durchweg hätte geschlampt werden müssen. Die Fachleute halten es für unwahrscheinlich, dass das einem erfahrenen Unternehmen unterläuft. Betoniert hat die Heitkamp IKB aus Herne. Die Firma hat schon Schleusen in Berlin und in Sülfeld am Mittellandkanal gebaut. Die Volksstimme hat auch die Firmenleitung um eine Stellungnahme gebeten, bis gestern Nachmittag aber keine Antwort erhalten.

Nach derzeitigem Stand halten Experten die Wände für reparabel. Über ein Sanierungskonzept muss sich der Bund mit dem Unternehmen einigen. Das kann dauern. Denn davon hängt ab, was die Firma zahlen muss. Die kleine Variante: Die bröseligen Stellen werden mit Reparaturmörtel ausgebessert. Ob das bei den großen Löchern aber lange hält, ist fraglich. Käme noch die große Variante in Betracht: Die Wand wird abgestrahlt und mit einer neuen Betonschicht überzogen. Das würde aber ein Jahr dauern.