Der Sparkassen-Skandal

Vor genau einem Jahr wird ein Prüfbericht des Ostdeutschen Sparkassenverbandes bekannt: Millionenschaden durch zu häufig wechselnde und zu viele Dienstwagen des ehemaligen Vorstandschefs sowie Unregelmäßigkeiten bei Aufträgen für Sparkassen-Bauprojekte in den Jahren 2010 bis 2012.

Sechs Monate später liegt das Ergebnis für die Jahre 2007 bis 2009 vor. Auch hier beläuft sich der Schaden in beiden Bereichen auf rund eine Million Euro.

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Ex-Sparkassenchef, einen ehemaligen Abteilungsleiter und einen Bauunternehmer. Vor dem Landgericht und dem Arbeitsgericht in Stendal laufen bereits mehrere Prozesse.

Das Verfahren sorgte vorige Woche erneut für Schlagzeilen: 88 Ordner mit Beweismaterial, die in der Asservatenkammer der Staatsanwaltschaft lagerten, sind "versehentlich" geschreddert worden. (mr)

Stendal l Über Jahre hinweg soll Dieter Burmeister, langjähriger Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Stendal, einem Dachdeckerbetrieb und dessen Geschäftsführer Kredite gewährt haben, die nach den Vorschriften der Sparkasse so nicht hätten ausgereicht werden dürfen. Dabei soll Burmeister mehrfach den Rat der eigenen Fachabteilungen und die Dienstvorschriften missachtet haben.

Profitiert hat davon ausgerechnet Lothar Riedinger. Der Christdemokrat war 1990 Landrat des damaligen Landkreises Stendal. In seiner Zeit wurde Burmeister als Sparkassenchef ausgewählt und von Riedinger eingestellt. Die beiden verstehen sich gut miteinander.

Der 60-Jährige gilt auch heute noch als ein politisches Schwergewicht im Landkreis: Riedinger ist seit 20 Jahren Vorsitzender des Kreistages und gehörte bis 2009 dem Verwaltungsrat der Sparkasse an. Über viele Jahre war er dessen stellvertretender Vorsitzender und Mitglied im wichtigen Kreditausschuss.

Mehr als eine Million Euro an Krediten sind in dieser Zeit an Riedinger und dessen Firmen geflossen. Ein Freundschaftsdienst mit hohem Risiko: Fast die Hälfte davon gilt nach derzeitigem Stand als Verlust. Gegenüber dem Landgericht Stendal bezifferte das Kreditinstitut jetzt nach Volksstimme-Informationen den "vorläufigen Kreditausfallschaden" auf fast 500.000 Euro.

Dabei geht die Sparkasse davon aus, dass Burmeister mehrfach eigenmächtig und unter Missachtung der bestehenden Vorschriften gehandelt hat. Riedingers Firma, die auch regelmäßig Aufträge für Sparkassen-Bauten erhielt, soll ab 2002 nicht mehr kreditwürdig gewesen sein. Dennoch sei auf Betreiben des Sparkassenchefs weiter Geld geflossen - allein von 2005 bis 2008 noch rund 180.000 Euro.

Trotzdem wurde die Lage immer prekärer. Bereits 2006 sind fast 400.000 Euro nicht mehr durch Sicherheiten abgedeckt, die Summe gilt bei der Sparkasse als die eines "ausgefallenen Kunden". Riedinger ist in der Zeit stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrates und bleibt dies bis 2009.

2008 werden die Verbindlichkeiten von der Norddeutschen Landesbank übernommen. Die Sparkasse verzichtet auf rund 500.000 Euro - gegen einen Besserungsschein. Im Fall einer Verbesserung der Lage gibt es dafür einen finanziellen Ausgleich für die Verluste. Dieser Fall sei nicht eingetreten. Der Betrag sei bis heute nicht ausgeglichen, heißt es.

Lothar Riedinger antwortete der Volksstimme auf die Frage, ob der langjährige Vorstandschef nach seiner Einschätzung bei seinen Krediten nach den Richtlinien des Geldinstituts gehandelt habe, aus voller Überzeugung mit "Ja": "Da bin ich mir ganz sicher, dass das alles durch den Verwaltungsrat gegangen ist. Allein darf er das doch gar nicht."

Die Sparkasse sieht das ganz anders. Riedingers Fall ist für sie vor Gericht ein weiterer Beleg für Burmeisters fristlose Entlassung. Die Kündigung hatte der Verwaltungsrat voriges Jahr nach Bekanntwerden der ersten Verfehlungen ausgesprochen. Der Ex-Sparkassen-Chef klagt dagegen. Der Prozess am Stendaler Landgericht beginnt am 10. Dezember.

Bilder