Frauen als Chefs
28 Prozent der Führungskräfte in Deutschland sind laut aktuellem Zensus weiblich. Sachsen-Anhalt hat mit 37,7 Prozent noch den höchsten Anteil. Die meisten männlichen Chefs gibt es in Niedersachsen.

Jedoch steht Sachsen-Anhalt nur in der Wirtschaft vergleichsweise gut da, was das Gleichstellungsministerium mit den vielen klein- und mittelständischen Firmen und den hohen Beschäftigtenanteil von Frauen erklärt. In der Politik sieht es anders aus: Nur eine Ministerstelle hat eine Frau inne, in Niedersachsen sind es vier. An den Spitzen in Landkreisen und kreisfreien Städten sind 7 Prozent weiblich, in Mecklenburg-Vorpommern 38 Prozent.

Gleichstellungsministerin Angela Kolb (SPD) hat vergangene Woche ihre Befürwortung der Frauenquote bekräftigt. Ihr Ziel ist es, 40 Prozent der Chefposten in Landesverwaltung und Hochschulen mit Frauen zu besetzen. Zudem unterstützt sie eine Initiative für eine Frauenquote in DAX-Unternehmen.

Nur auf jedem dritten Chefsessel in Sachsen-Anhalt sitzt eine Frau. Der Magdeburger Hirnforscher Professor Gerald Wolf hat mögliche Erklärungen parat - und eine Idee zur Abhilfe. Mit ihm sprach Volksstimme-Redakteurin Elisa Sowieja.

Volksstimme: In einem Interview haben Sie mal gesagt: Es ist wahrscheinlicher, dass Spitzenleistungen von Männern kommen. Das müssen Sie erklären.
Gerald Wolf:
Das würde ich eigentlich lieber einem Mann begründen. Frauen gegenüber wirkt es so uncharmant.

Da müssen Sie jetzt durch.
Begabungen sind genetisch begründet. In Bezug auf kognitive Leistungen gibt es im Durchschnitt keinen wesentlichen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Misst man den Intelligenzquotienten, kommen etwa gleiche Leistungen heraus. Auffällig ist aber, dass die Leistungsverteilung etwas unterschiedlich ist. In den extremen Bereichen haben wir einen höheren Männeranteil. Das heißt zum einen, bei den Unterbegabungen gibt es mehr Männer. Dummköpfe sind also zum großen Teil männlich.

Hier möchte ich Ihnen nicht widersprechen.
Jetzt kommt der uncharmante Teil. Auch Hochbegabungen gibt es häufiger bei Männern. Intelligenzquotienten von 150 sind fünfmal mehr als im weiblichen Geschlecht anzutreffen. Also absolute Spitzenleistungen - ob bei Poeten, Sportlern oder Nobelpreisträgern - rühren meist von Männern.

Wie kommt das?
Männer haben unter den insgesamt 46 Chromosomen ein X- und ein Y-Chromosom, Frauen zwei X-Chromosomen. Das X-Chromosom enthält tausende Gene, die zum Teil für Begabungen verantwortlich sind. Das Y-Chromosom besitzt im Wesentlichen nur die Funktion, männlich bestimmend zu sein. Wenn Sie also bei den X-chromosomalen Genen solche haben, die Varianten darstellen - zum Beispiel eine Unter- oder Hochbegabung auslösen -, dann wird dies bei der Frau durch das zweite X-Chromosom so ziemlich ausgeglichen. Bei Männern fehlt der kompensatorische Effekt, bei ihnen schlägt jede Genvariante voll durch.

Frauen wie Marie Curie oder Ebay-Chefin Meg Whitman haben also seltenes Glück?
Das ist richtig. Natürlich sind Hochbegabungen bei Frauen nicht ausgeschlossen. In weniger häufigen Fällen tragen beide X-Chromosomen an ein und derselben Stelle eine günstige Variante.

Wie ein Mann oder eine Frau tickt, lässt sich sicher auch durch Hormone erklären.
Bei Männern produzieren die Hoden schon im Embryo Testosteron. Frauen haben dieses Hormon aber ebenso, wenn auch in viel geringerer Konzentration. Es wird im Eierstock und in der Nebenniere gebildet. Testosteron bewirkt bei beiden Geschlechtern bestimmte Verhaltensweisen. Man weiß aus der Tierzucht, dass bei Tiermännern, wenn sie nach einer Kastration kaum noch Testosteron produzieren, die Aggressivität sofort zurückgeht. Auch Frauen, die sehr agil und dann den Männern oft überlegen sind, haben im Allgemeinen eine höhere Testosteronproduktion. Man sollte also nicht einfach davon sprechen, wie "der" Mann oder "die" Frau ist, sondern eben auch den individuellen Fall sehen.

Männer tendieren also dazu, aggressiv zu sein - sich besser durchzusetzen. Sind sie folglich bessere Chefs?
Schon bei Knaben zeigt sich die höhere Aggressionsbereitschaft. Sie raufen miteinander, entwickeln aber auch frühzeitig speziellere Interessen, in denen sie später häufig besondere Leistungen im Beruf hervorbringen. Mädchen sind anpassungsbereiter, was etwa Anforderungen in der Schule betrifft. Das verhilft ihnen zu einem besseren Notendurchschnitt und verbessert so ihre Chancen, beim Studium in Numerus-clausus-Fächern angenommen zu werden.

Was bedeutet das für die Chancen auf den Chefsessel?
Zum Chefverhalten gehören viele Eigenschaften: Chefs müssen ihren Mitarbeitern in rationalen Fähigkeiten überlegen sein, was eher den Männern gelingt. Sie brauchen aber auch Teamfähigkeit. Hierbei sind häufig die Frauen überlegen. Denn in Konfliktsituationen neigen Männer mehr dazu, rational vorzugehen, Frauen hingegen dazu, auf die Stimmen der Mitarbeiter zu hören und ihrer Intuition zu folgen. Auf dem Chefsessel haben also beide Geschlechter ihre Vorteile.

Wie kommt es dann, dass die zehn größten Firmen der Welt von Männern geleitet werden und Sachsen-Anhalt nur eine Ministerin hat?
Ich kann mir vorstellen, dass ein wesentliches Momentum für den Erfolg in einem Unternehmen die Durchsetzungskraft ist. Daher findet man auf den Chefetagen gar nicht so selten Menschen mit psychopathischen Zügen, also durchaus nicht nur in Gefängnissen. Sie vereinen hohe Intelligenz mit Empathie. Sie können sich also in andere hineinversetzen, nutzen das aber für ihren Erfolg aus, und zwar mitleidlos. Überhaupt ist die Armut an Mitgefühl eher typisch für die Männer. Und um die Spitze eines Unternehmens gibt es nun einmal Gerangel. Das gilt genauso für die Politik. Dieser Tendenz wird durch Quotenregelungen entgegengesteuert. Aber wenn es um die reine Leistungsfähigkeit geht, wozu auch eine gewisse Gnadenlosigkeit gehört, setzen sich eben doch eher die Männer durch.

Das Ungleichgewicht ist demzufolge ungerechtfertigt?
Die Frauen haben ja durch das Frausein auch Vorteile. Sie leben durchschnittlich fünf Jahre länger als wir Männer und sind im Allgemeinen die Beliebteren. Ich glaube, die typische Frau will kein Mann sein, sie weiß ihre Vorteile zu nutzen.

Wo zum Beispiel?
In Ehekonflikten sind die Frauen zumeist die Sieger. Sie sind auch diejenigen, die auswählen: Es ist ein Irrtum, wenn Männer meinen, sie "nehmen" sich eine Frau. Sicher haben wir heute insgesamt eine Situation, die recht ausgeglichen ist und an der nicht noch weiter künstlich herumgebastelt werden muss. Das betrifft auch die Quotenregelung. Ich weiß, dass sich viele hochleistungsfähige Frauen genieren, annehmen zu müssen, dass sie ihre berufliche Position nicht der fachlichen Eignung, sondern dem Ovarbesitz verdanken. Welche Frau will denn gern eine "Quotilde" sein?

Sollten wir also hinnehmen, dass Männer öfter in wichtige Positionen kommen, oder sehen Sie einen Weg, das ohne Quote zu ändern?
Ein Personalchef hat bei jüngeren Frauen natürlich daran zu denken, dass diese immer mal wieder ausfallen. Sie werden schwanger, haben Kinder zu betreuen, wenn sie krank sind. Die Gesellschaft sollte also, ohne dass es mehr Steuermittel bedarf, einen Ausgleich schaffen. Männer und kinderlose Frauen, so denke ich, müssten in einen Fonds einzahlen, mit dem die Nachteile, die Frauen aus biologischen Gründen haben, finanziell kompensiert werden können.

Dann bleibt aber immer noch das Problem, dass sich Frauen nicht so gut durchsetzen.
Die meisten Frauen sind doch wohl ganz froh, dass sie nicht so sind wie die Männer. Deshalb wirken sie ja auch so sympathisch.

Wenn Sie sich erschließen, wie Frauen ticken, hilft Ihnen das eigentlich bei Ihrer Frau?
Erstaunlich wenig!