Magdeburg l "Wir brauchen ermutigende Beispiele gegenüber einer Kultur der Angstmache", sagte Bundespräsident Joachim Gauck bei seinem Besuch des Flüchtlingshilfevereins Refugium in Magdeburg. Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt sprachen dort mit Flüchtlingskindern, die ohne ihre Eltern nach Deutschland gekommen sind. Der Flüchtlingshilfeverein übernahm in Sachsen-Anhalt bereits 241 Vormundschaften für Kinder aus 44 Ländern. Aktuell stehen 38 Kinder unter der Obhut des Vereins.

Seit 1997 nimmt sich die Einrichtung des Caritas-Verbandes des Schicksals der Minderjährigen an. Gauck bezeichnete die Arbeit der Initiative als "beispielhaft". Auch in anderen Bundesländern sollte dieses Engagement für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge Schule machen. Gauck würdigte besonders das Bemühen des Vereins, trotz teilweise gesetzlicher Hindernisse den Jugendlichen Bildung zu ermöglichen.

Jugendämter leiten Clearingverfahren ein

"Momentan haben wir besonders viele Kinder aus Syrien", sagte die Vereinsvorsitzende Monika Schwenke. Sie war von Gauck erst im Oktober mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. In diesem Jahr sind dreimal mehr junge Flüchtlinge gekommen als in den Vorjahren.

Der Bundesfachverband für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge schätzt, dass zwischen 7000 und 9000 junge Menschen unter 18 Jahren in Deutschland leben. Die wenigsten dieser Jugendlichen stellen einen Asylantrag. Sie wollen meist in Städte, in denen bereits Landsleute leben.

Auf die Jugendämter der Kommunen kommt mit jedem minderjährigen Flüchtling, der ohne Eltern unterwegs ist, viel Arbeit zu. Sie sind verpflichtet ein sogenanntes Clearingverfahren einzuleiten. In Magdeburg versuchen fünf Mitarbeiter der Clearing-Stelle die Hintergründe und Umstände der Flucht zu klären. Auch Alter und Identität der Kinder werden festgestellt.

Berufsvorbereitung für minderjährige Flüchtlinge

Das Jugendamt bestimmt auch einen Vormund. In Sachsen-Anhalt ist das in der Regel der Verein Refugium, der sich mit einem hauptamtlichen und 15 ehrenamtlichen Mitarbeitern um die Kinder kümmert. "Es gibt Probleme, die nicht gelöst sind, und es gibt Menschen, die angesichts dieser Probleme nicht verzagen", sagte Joachim Gauck.

Der Bundespräsident informierte sich in Magdeburg auch über die Arbeit der Berufsschule "Hermann Beims", in der minderjährige Flüchtlinge zwischen 15 und 18 Jahren eine Berufsvorbereitung absolvieren. Von den handwerklichen Fähigkeiten der Jugendlichen konnte sich das Staatsoberhaupt persönlich überzeugen. Die Flüchtlinge überreichten Gauck einen Kerzenständer, den sie gebaut hatten. Das berufsvorbereitende Jahr bereitet die Jugendlichen auf eine Ausbildung vor. Ab dem 18. Lebensjahr sollen sich die Flüchtlinge darüber selbst finanzieren.

Gauck mahnt zu Entschlossenheit gegen Angststrategien

Für Joachim Gauck sind diese Einrichtungen "positive Signale der Ermutigung". Er mahnte, sich nicht zurückzulehnen. Es gebe eine Menge Handlungsbedarf. Denn der Zustrom an Flüchtlingen werde anhalten. Sachsen-Anhalt rechnet im kommenden Jahr mit rund 9000 Flüchtlingen, sagte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). Vom Bund erhalte das Land 2015 und 2016 jeweils 13,5 Millionen Euro, um die zusätzlichen Ausgaben decken zu können.

Zum mutmaßlichen Brandanschlag auf Flüchtlingsunterkünfte in Franken sagte Gauck: "Wir können nur mit aller Entschlossenheit der anständigen Menschen reagieren. Wir werden uns nicht von Brandstiftern jeder Couleur in Angststrategien jagen lassen, sondern es wird unsere Entschlossenheit fördern, eine Politik zu gestalten, die auf unseren humanen Werten beruht."