Magdeburg l Grönemeyer rast. Ungewöhnlich - kennt man seine Stimme doch sonst, wie sie einem Takt folgt und oft Pausen macht. Als der Sänger referiert, ist das anders. Es mag daran liegen, dass er über seine Seele spricht, und zwar ohne Reime und viele Metaphern. An diesem Freitagnachmittag ist er Redner bei einer Konferenz der Krankenhausgesellschaft Salus in Magdeburg, Thema: "Musik und Humor in Psychiatrie und Psychotherapie". Herbert Grönemeyer erzählt, wie er mit Hilfe von Musik ein Trauma überwunden hat.

1998 trafen ihn gleich zwei Schicksalsschläge. Seine damalige Frau war seit Jahren an Krebs erkrankt, als man bei seinem Bruder Lymphkrebs diagnostizierte. "Schließlich überschlugen sich die Ereignisse. Mein Bruder starb am 1. November, meine Frau vier Tage später." Nach diesem Satz holt der Sänger einmal tief Luft. Dann läuft er weiter. "Dieser Einschlag war so übermächtig, dass plötzlich alles um mich herum verstummte und sich die Gefühle nur noch taub anfühlten." Für seinen Weg zurück ins Leben engagierte er eine Trauerbegleiterin. Dazu holte er sich einen zweiten Helfer: die Musik. Mit ihr hatte Grönemeyer gute Erfahrungen. "Sie war für mich immer mein Urhalt." In seiner Pubertät habe er sich stundenlang eingeschlossen und Gitarre gespielt - "und damit viele Konfusionen meiner Zeit verarbeitet. Musik war mein engster Freund."

Nicht nur ihm selbst war es wichtig, dass er weitersingt. Als er seiner Tochter - damals neun - sagen musste, dass ihre Mutter gestorben war, reagierte die mit einem verblüffenden Satz: "Du hörst nicht auf zu singen und es kommt keine andere Frau ins Haus!" Mit dem Musikmachen wollte er seinen Kindern und sich wieder Boden unter die Füße schieben, sagt Grönemeyer. Dann beschreibt er, was die Musik mit ihm gemacht hat: "Wenn man trauert, fällt der Brustkorb ein, man atmet flach, rollt sich ein. Sobald man singt, strafft sich der Brustkorb, die Schultern wandern nach hinten. Es ist wie ein melodiöser Aufschrei, ein Aufbäumen gegen den Schmerz." Die Platte "Mensch" sei nach den Ereignissen das erste Durchatmen gewesen, musikalisch und im Leben. Mit ihr zerstreute sich auch seine größte Angst: seine Fähigkeit zum Schreiben zu verlieren. "Dass mich die Musik wiedergefunden hat, war das große Geschenk des Lebens an mich", sagt er. Als Grönemeyer beim letzten Satz ankommt, hat er viel kürzer gesprochen als geplant. Weniger gesagt hat er sicher nicht.