Wer nicht hilft, kann sich strafbar machen

Laut Straßenverkehrsordnung müssen Beteiligte nach einem Unfall sofort halten, den Verkehr sichern und Verletzten helfen. Wer dies nicht tut, kann sich strafbar machen. Zur unterlassenen Hilfeleistung stellt Paragraf 323c Strafgesetzbuch klar: "Wer bei Unglücksfällen (...) nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten ist, (...) insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft."

Ohne sich in Gefahr zu bringen, kann in der Regel jeder zumindest über 110 bei der Polizei oder die Notfallnummer 112 der Feuerwehr Hilfe organisieren.

Magdeburg (dpa/mf) l Wegschauen ist einfach. Als am Wochenende auf der dreispurigen Ost-West-Autobahn 2 bei Magdeburg mehrere Autos kollidieren und die Trasse blockieren, fahren andere über den Standstreifen einfach weiter. Den sechs Verletzten helfen? Das halten nicht alle für notwendig. Der Fall löst eine Debatte über Hilfe im Notfall aus.

"Wir haben ein Ermittlungsverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung eingeleitet, weil 10 bis 15 Fahrzeuge vorbeigefahren sind", sagt die Sprecherin der Autobahnpolizei Börde in Sachsen-Anhalt, Doreen Günther.

Es hätten zwar einige Leute angehalten. Aber ihre Zahl reichte nicht aus. Um einen Verletzten mit einer blutenden Kopfwunde hatte sich zum Beispiel noch niemand gekümmert. Hilfe sei also noch vonnöten gewesen.

Allerdings gab es bis zum Abend auch weiterhin keine Erkenntnisse, dass von Gaffern auch Fotos aus vorbeifahrenden Autos gemacht wurden. Auch Zeugen, die Hinweise auf die am Unfallort im Schritt-Tempo vorbeifahrenden Wagen geben können, meldeten sich bisher nicht, sagte der Magdeburger Polizeisprecher Mike von Hoff am Abend.

Unterlassene Hilfeleistung - das kommt in Deutschland jeden Tag viele Male vor. Die amtliche Kriminalstatistik für das Jahr 2013 listet fast 1800 Fälle auf. Doch die Dunkelziffer dürfte groß sein. Egal ob Autounfälle, Prügeleien in der Straßenbahn oder misshandelte Kinder - einfach wegschauen und ignorieren kommt immer wieder vor.

ADAC rät, Wissen über Erste Hilfe aufzufrischen

Erst am Sonntagabend sahen mehr als zehn Millionen Zuschauer den Kölner "Tatort", der fehlende Zivilcourage und Hilfsbereitschaft anprangerte. Ein Schwerverletzter schleppt sich im Film zu einem Mehrfamilienhaus. Doch keiner der Bewohner hilft. Im Vergleich zu Mordfällen sind Unfälle im Verkehr Alltag. Erst im Januar hatten die Fachleute der Dekra, die Fahrzeugprüfungen und Gutachten anbietet, eine Umfrage veröffentlicht, wonach jeder zweite Autofahrer bei Erster Hilfe am Unfallort zögert. 45 Prozent der Befragten gaben als Grund an, sie hätten Angst, etwas falsch zu machen. Termindruck und Eile seien dagegen nur für fünf Prozent ein Grund, sich zu drücken. "Es ist oft dieses unsichere Gefühl, wie mache ich das richtig", sagt die Sprecherin des ADAC Sachsen-Anhalt/Niedersachsen, Christine Rettig. Das sei aber kein Argument: "Nichts tun ist definitiv die schlechteste Lösung." Der ADAC empfehle, alle fünf Jahre sein Wissen um die Erste Hilfe aufzufrischen. "Man fühlt sich sicherer, wenn man es trainiert." In der Praxis sei zudem die Gefahr, etwas falsch zu machen, gering.

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) mahnt nach dem Unfall mehr Zivilcourage an. "Appellieren möchte ich an alle Verkehrsteilnehmer, dass Rücksicht und Verantwortung im Straßenverkehr bereits beim Einsteigen in das Fahrzeug beginnen." Gleichzeitig warnt er aber auch vor einer Vorverurteilung. "Inwieweit hier individuelles Fehlverhalten Einzelner vorgelegen hat, müssen die weiteren Ermittlungen zeigen."

80 Prozent der Fälle werden aufgeklärt

Immerhin: Von den erfassten Fällen aus der Kriminalstatistik wurden zuletzt mehr als 80 Prozent aufgeklärt. Das Gesetz sieht für unterlassene Hilfeleistung Strafen von bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe vor. Voraussetzung für eine Verurteilung ist aber immer, dass dem Beschuldigten die Hilfeleistung "den Umständen nach zuzumuten" ist - also zum Beispiel ohne eine erhebliche eigene Gefährdung. Der Unfall auf der A 2 bei Schackensleben war nach ersten Ermittlungen ausgelöst worden, als ein 44-Jähriger aus Nordrhein-Westfalen in ein Stauende fuhr.

Doch auch Vorbeifahren kann strafbar sein. Die Polizei sucht auch weiter Zeugen. Die Ermittlungen seien jedoch nicht einfach.