Tatort Schule
2425 Straftaten registrierte die Polizei 2013 an Sachsen-Anhalts Schulen. Für 2014 lagen die Zahlen laut LKA noch nicht vor.
Schwerpunkt waren Körperverletzungen. In 549 Fällen wurde die Polizei eingeschaltet. Von den 654 Tatverdächtigen waren rund 80 Prozent Jungen.
In 118 Fällen kam es zu Freiheitsberaubung, Nötigung oder Bedrohung.

Sanktionen nach dem Schulgesetz des Landes
Laut Landes-Schulgesetz (§ 44) sind zunächst pädagogische Schritte anzuwenden, um den Bildungsauftrag zu erfüllen. Erst dann können sogenannte Ordnungsmaßnahmen folgen.

Ordnungsmaßnahmen sind:
1. der schriftliche Verweis,
2. zeitweiliger Ausschluss vom Unterricht bis zu fünf Unterrichtstage,
3. Überweisung in eine parallele Klasse oder Lerngruppe,
4. Überweisung in eine andere Schule der gleichen Schulform,
5. Verweisung von allen Schulen, wenn die Vollzeitschulpflicht erfüllt ist (insgesamt 10 Jahre - bei dreimal Sitzenbleiben also nach der 7. Klasse).
Vor einem solchen Schritt ist der Schüler zu hören, vor Sanktionen der Punkte 2 bis 5 sind die Erziehungsberechtigten anzuhören. Die Sanktionen bedürfen keiner Zustimmung der Eltern. Diese haben jedoch die Möglichkeit, Widerspruch einzulegen und eine rechtliche Überprüfung zu fordern.

Halberstadt l Die beiden Tatbeschreibungen klingen brutal: Ein Junge springt mit angewinkeltem Ellenbogen gegen einen ahnungslosen Mitschüler. Einem gleichaltrigen Mädchen dreht er zunächst den Arm um und schlägt dann mit voller Wucht drauf. Zwei Taten, die besondere Brisanz bekommen, weil der Verursacher die vierte Klasse einer Harzer Grundschule besucht und zum Zeitpunkt der Vorfälle noch nicht mal zehn Jahre alt war. Und weil die Folgen der beiden Übergriffe immens sind.

Im ersten Fall, der Mitte Dezember passierte, bricht sich ein Junge das Handgelenk und muss sofort operiert werden. Bei Fall Nummer zwei Anfang Januar erleidet das Mädchen ebenfalls einen Knochenbruch.

Inzwischen beschäftigen beide Fälle die Polizei, bestätigt eine Sprecherin des Landesschulamtes auf Anfrage. Von der Polizei selbst gibt es keinerlei Informationen.

Der Schritt zur Strafanzeige gegen einen - letztlich strafunmündigen - Jungen scheint auch Zeichen der Kapitulation seitens der Lehrer zu sein. Zwar bescheinigt Silke Stadör vom Landesschulamt dem Team der Schule eine "sehr gute pädagogische Arbeit". Allerdings liegen der Volksstimme Informationen vor, wonach alle Beteiligten darauf hoffen, dass die Präsenz von Polizeibeamten bei dem Schüler für einen nachhaltigen Eindruck sorgt.

Das wurde zuletzt in der Lehrerkonferenz am Montag dieser Woche deutlich. Darin ging es nach Volksstimme-Informationen weniger um die beiden attackierten Kinder als vielmehr um den Ruf der Schule und die Frage, wie die Vorfälle überhaupt in die Öffentlichkeit gelangen konnten. Schließlich, so die empörte Schulleiterin in der Runde, habe man alles unternommen und gegen den Jungen Ordnungsmaßnahmen eingeleitet. Allein: Das Umfeld des Kindes - Vater und Großmutter - hätten allen Sanktionen widersprochen.

Freundlich zu Erwachsenen, brutal gegen Gleichaltrige
Silke Stadör vom Landesschulamt geht ins Detail: Die Pädagogen hätten intensiv mit dem Schüler gearbeitet. Nach dem Erkennen der Verhaltensauffälligkeit sei ein Förderplan aufgestellt worden. Und: "Im dritten Schuljahr wurde der ,Mobile Sonderpädagogische Diagnostische Dienst` hinzugezogen, der eine Förderschule mit Ausgleichsklassen empfahl." Aber: "Der Sorgeberechtigte wünschte weiter den Besuch der Grundschule." Und dieses Wahlrecht der Eltern sei nun mal im Schulgesetz fixiert. Silke Stadör spricht von intensiver Zusammenarbeit mit dem Elternhaus.

Schritte, die erfolglos blieben: Nach kurzzeitigen Verbesserungen sei es immer wieder zu Rückfällen gekommen. "Nach dem Vorfall im Januar wurde eine Ordnungsmaßnahme angedroht und es erfolgte der Ausschluss von Schulveranstaltungen. Trotz Bewährungsfrist bis zu den Winterferien kam es zu weiteren Verstößen", so Stadör. Daher sei am Montag der Ausschluss vom Wandertag und der Klassenfahrt beschlossen worden - auch um andere Kinder zu schützen.

Offenbar aus gutem Grund: Der Junge kenne gegenüber Gleichaltrigen keinerlei Grenzen und Respekt, heißt es bei den Recherchen immer wieder. Während er Erwachsenen gegenüber durchaus nett auftrete, suche er sich unter Gleichaltrigen sofort Schwächere, die er drangsalieren könne. Zudem, heißt es hinter vorgehaltener Hand, passiere bei den Eltern absolut nichts, werde alles blockiert. Daher dieser Schritt zur Strafanzeige.

Jugendamt kennt die angezeigten Fälle nicht
Dass vor diesem Hintergrund das Einschalten der Polizei auch als Hilferuf zu werten sein könnte, stellt Silke Stadör nicht in Abrede: "An diesem Beispiel wird deutlich, dass den pädagogischen Möglichkeiten mitunter Grenzen gesetzt sind und Schule nicht alle Verhaltensauffälligkeiten allein lösen kann." Und: "In diesem Fall ist sicher die Einbeziehung des Jugendamtes dringend angezeigt."

Dort aber sind die aktuellen Fälle noch gar nicht bekannt, so eine Sprecherin am Freitag. Der Junge und dessen Familie würden aktuell nicht vom Amt begleitet. Allerdings habe die Familie vor einigen Jahren Hilfe bekommen.

Wie es nun mit dem Jungen weitergeht, scheint offen. Auch, ob die Ermittlungen der Polizei den unterschwellig erhofften Aha-Effekt auslösen. In der Schule haben die Verantwortlichen inzwischen die Notbremse gezogen: "Aufgrund eines neuen Vorfalls am Dienstag dieser Woche wird der Schüler ab sofort auf eine benachbarte Grundschule wechseln", teilte Silke Stadör mit.