Magdeburg l Ein neuer Deich wird gezogen, der alte Wall wird an mehreren Stellen aufgeschlitzt: Steigt das Wasser, kann es sich ungehindert auf mehr Fläche ausbreiten. Was so einfach klingt, ist in der Praxis ein zähes Geschäft: Eigentümer, Naturschutz, Geld, langwierige Planungen. 2009 wurde im Lödderitzer Forst bei Aken begonnen, der Elbe mehr Platz zu geben. 2018, neun Jahre später, soll das Werk endlich vollendet sein. 600 Hektar mehr Fläche - das ist bislang die größte Deichrückverlegung des Landes. Ein etwas kleineres Vorhaben startet im Mai im Landkreis Stendal. In Sandau (Nord) bekommt die Elbe 124 Hektar mehr Platz.

Doch nach der verheerenden Flut 2013, der zweiten innerhalb von nur elf Jahren, scheint mehr Schwung in den Flutschutz zu kommen. Die Hochwasserexperten werben derzeit für 42 neue Vorhaben - vom Deich bis zum raumgreifenden Polder. "Wir stoßen auf viel Akzeptanz", sagt Umweltminister Hermann Onko Aeikens (CDU), der am Dienstag seine überarbeitete Konzeption vorlegte.

Das war nicht immer so. Der Bau von Hochwasserrückhaltebecken im Harz etwa zog sich über viele Jahre. In einem Fall hatte ein Garagenbesitzer zweimal die Gerichte bemüht - er war zwar unterlegen, doch die Planer hatten viel Zeit verloren. Das Ministerium sucht Wege, dem Hochwasserschutz Vorfahrt einzuräumen. "Wir wissen nicht, was die Natur noch mit uns vorhat", sagt Aeikens. Doch Regeln zu ändern, ist langwierig, zumal die meisten Sache des Bundes oder der EU sind.

"Wir wissen nicht, was die Natur noch mit uns vorhat." - Umweltminister Hermann Onko Aeikens (CDU)

Voran ging es jetzt an der Mulde. In Rösa bei Bitterfeld startete der Bau eines Flutpolders, einer mit Deichen umringten Fläche, die während einer Flut wie eine Badewanne gefüllt wird. Experten versprechen hohe Effekte: So könne der Scheitel um einen halben Meter gesenkt werden. Weitere 13 Polder sind möglich, wenn die Anrainer mitziehen: So in

l Schartau (Elbe / 1340 ha)
l Klietz / Havelberg (1540 ha)
l Calbe (Saale / 280 ha)
l und Raßnitz (Weiße Elster / 1990 ha).

Angestrebt wird zudem, an 22 Stellen die Deiche zurückzuverlegen; so in Werben, Klietznick und Hohenwarte (Elbe). Würden alle Projekte realisiert, hätten Sachsen-Anhalts Flüsse fast 22.000 Hektar mehr Platz - das entspräche rund 31.000 Fußballfeldern (68 x 105 Meter).

Die Regierung will den kommunalen Hochwasserschutz unterstützen. Doch alle Wünsche werden kaum zu realisieren sein. So gibt es in Magdeburg Bestrebungen, Flut-Areale aus dem FFH-Naturschutzgebiet herauszulösen, um etwa störende Bäume zu fällen. Dem müsste die EU zustimmen. Aeikens sieht kaum Chancen: "Das ist ein dickes Brett." Flutschutz sei auch in FFH-Gebieten möglich -"es ist nur etwas schweriger".