Wittenberg l Der Diskussionsnachmittag in der Wittenberger Leucorea-Stiftung ist weit fortgeschritten. Wolfgang Schüssel, Ex-Bundeskanzler Österreichs, hat Sachsen-Anhalts Entwicklung in den europäischen und globalen Kontext gesetzt. Michael Opielka vom Berliner Zukunftsforschungsinstitut hat den Beginn der Wissensgesellschaft skizziert, Analyst Eberhard Brezski von der Norddeutschen Landesbank das wirtschaftliche Potenzial beleuchtet.

Allen drei Beiträgen ist eine positive Grundstimmung eigen, was die Chancen für Land und Leute in den kommenden zweieinhalb Jahrzehnten betrifft. Der knackige Kurztitel "Sachsen-Anhalt 4.0" hat sich in der Beschwörung der Breitband-Internetversorgung wiedergefunden.

Dann tritt als vierter und letzter geladene Experte Oliver Holtemüller, Vizechef des Institutes für Wirtschaftsforschung Halle, ans Mikrofon. Jetzt ändert sich der Ton. "Ich werde den Finger in die Wunde legen", kündigt Holtemüller an. Der Wirtschaftswissenschaftler will aufzeigen, wo es dringenden Handlungsbedarf im Land gibt, um die Zukunft zu sichern. Sachsen-Anhalt investiere zu wenig in "Humankapital", habe zu wenig Internationalität und zu wenig Innovationen, kritisiert der Ökonom.

Sträflich vernachlässigt werde die frühkindliche Bildung. Eltern aus ärmeren Verhältnissen würden ihre Lebenseinstellung an die Kinder weitergeben. Daran änderten auch die umfassenden Möglichkeiten der Kinderbetreuung nichts. "Die Eltern müssen in die frühkindliche Bildung einbezogen werden", fordert Holtemüller. Wie Studien zeigten, hätten andere Staaten damit gute Erfahrungen gemacht.

In der ersten Reihe kommt leichte Unruhe auf. Dort sitzt gegenüber dem Rednerpult Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). Holtemüller bezeichnet es nun als "himmelschreiende Ungerechtigkeit", dass Kitas bezahlt werden müssten, das Studium aber umsonst sei. Dafür fängt er sich einen ersten Zwischenruf Haseloffs ein. "Demographie ist aber nicht so einfach!"

Die mangelnde Internationalität des Landes macht der Hallenser Wissenschaftler unter anderem an der Exportquote fest, die mit 30 Prozent um 15 Prozentpunkte unter dem deutschen Durchschnitt liege. Lediglich vier Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt hätten einen Migrationshintergrund - im Bundesdurchschnitt seien es 20 Prozent. Holtemüller: "Wir brauchen Netto-Einwanderung, vor allem um die Stellen im Handwerk zu besetzen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen hierbleiben und hierbleiben wollen." Seine Einschätzung des Ist-Zustandes: "Das Land schmort im eigenen Saft."

Schließlich die Innovationskraft: Bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung liege Sachsen-Anhalt, so Holtemüller, auf dem 16. und damit letzten Platz im Ländervergleich. Erneuter Einspruch von Haseloff: "Aber nicht bei staatlich finanzierter Forschung!"

Der Wissenschaftler will sich nicht auf genauere Prognosen für Sachsen-Anhalt einlassen, glaubt aber fest daran, dass es auch in 25 Jahren noch einen Ost-West-Unterschied geben wird. Die Gruppe der ostdeutschen Länder sei auf niedrigem Niveau wirtschaftlich ziemlich homogen: "Ein Klub im Konzert der deutschen Bundesländer."

Ministerpräsident Reiner Haseloff ist nun hinreichend in Rage, um die anstehende Debatte zwischen Podium und Saalpublikum zu eröffnen. Er wendet sich direkt Holtemüller zu: "So wie Sie das sehen - da werden wir weiter einen Ost-West-Unterschied haben." Man müsse aber in die Analysen auch die 40 Jahre unterschiedlichen Weges in Ost und West einbeziehen.

Zwar liege der Osten in den Statistiken tatsächlich nah beieinander. Die Produktivität in Mitteldeutschland sei aber die höchste in den ostdeutschen Ländern. "Wir haben das höchste Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsplatz."

Recht gibt Haseloff Holtemüller bei der Verbesserung von frühkindlicher Bildung und Elternmotivation. "Bloß ich sage Ihnen: Das kann man nicht bei der Politik alleine abladen." Eingriffe in die Lebensverhältnisse von Familien verböten sich in einer freiheitlichen Ordnung: "Das ist in dem System erfolgt, aus dem ich stamme. Und hat doch nicht zu mehr Produktivität geführt, sondern zum Bankrott."

Haseloff erklärt, er erwarte von Wirtschaftswissenschaftlern nicht nur knallharte Analysen, sondern auch einmal Konzepte, wie die strukturelle Lücke zu schließen sei. "Da ist - wie auch beim Management der Weltwirtschaftskrise - von ihrer Spezies nicht viel beigetragen worden", wettert der Politiker in Richtung des Ökonomen. Unterstützt wird Haseloff von Wolfgang Schüssel. Weg vom reinen Daten-Denken - das ist auch im Sinne des Österreichers, der bekundet: "Menschen sind für mich kein Humankapital!"

Holtemüller nimmt die Einwände auf, ohne sich selbst zurückzunehmen. Gewiss müsse man nicht alles finanztechnisch betrachten, meint er: "Aber ich bin Wirtschaftswissenschaftler und habe mich als solcher geäußert." Jemand, der in politischer Verantwortung stehe, müsse verschiedene Aspekte beachten. Holtemüllers Appell: "Wir brauchen jedoch eine Diskussionskultur, die Dinge grundsätzlicher in Frage stellt."

Dieses Wittenberger Gespräch, gewiss nicht das Langweiligste der Reihe, klingt dann doch gelöst aus. Die Schlusspointe liefert Soziologe Michael Opielka. Zur Frage, wofür Sachsen-Anhalt 2040 stehen werde, meint er: "Sachsen-Anhalt: Wir schlafen aus."

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