Wahlkampf bis zur letzten Minute

Allein am letzten Wochenende vor dem 18. März traten im damaligen Bezirk Magdeburg folgende Politiker aus der Bundesrepublik auf:

FDP: Otto Graf Lambsdorff (Bundesvorsitzender/Wernigerode), Hans-Dietrich Genscher (Außenminister/Magdeburg)

SPD: Egon Bahr (Zerbst), Oskar Lafontaine, Saarländischer Ministerpräsident/Magdeburg)

DSU: Theo Waigel (CSU-Vorsitzender und Finanzminister)

Magdeburg l Spätestens seit DDR-Ministerpräsident Hans Modrow am 1. Februar 1990 seinen Plan "Für Deutschland, einig Vaterland!" verkündet hatte, war klar, das der Zug Richtung Wiedervereinigung rollte. Und zwar im Express-Tempo. Die DDR-Regierung hatte schwer damit zu tun, den drohenden wirtschaftlichen Zusammenbruch aufzuhalten.

Politisch war das alte System bereits in sich zusammengefallen. Für neue Strukturen wurde der 18. März zu einer entscheidenden Wegmarke. Die Volkskammerwahlen, ursprünglich für den 6. Mai geplant, waren auf diesen Tag vorgezogen worden.

Verlässliche Prognosenfür Ergebnis fehlen


Die Wahl wurde im Gegensatz zur DDR-Praxis des kollektiven Zettelfaltens mit anschließendem Frisieren der Ergebnisse von offizieller Seite zu einer tatsächlichen Abstimmung. In der für demokratische Verhältnisse traumhaften Wahlbeteiligung von mehr als 93 Prozent steckte freilich auch noch das tief verwurzelte Pflichtbewusstsein, an einem Wahltag auch tunlichst an die Urne zu schreiten.Weit wichtiger aber war dem DDR-Volk natürlich, endlich mit der persönlichen Stimme beeinflussen zu können, wer künftig die eigenen Interessen vertreten sollte. Verlässliche Prognosen für das Resultat gab es nicht.

Klar schienen vor dem 18. März zwei Dinge: die zur PDS mutierte SED hatte keine Chance, in die Regierungsverantwortung zu kommen. Selbst bei mehr als den letztlich erreichten 16,4 Prozent hätte wohl niemand mit der alten Staatspartei koaliert. Ebenso chancenlos waren die Bürgerbewegungen, die sich schließlich in der Fraktion Bündnis 90/Grüne wiederfanden. Im Herbst 1989 noch Motor des Umbruchs, waren sie von den Entwicklungen der nachfolgenden Monate überholt worden: Die Mehrheit des Volkes wollte Marktwirtschaft statt Graswurzel-Demokratie, ohne sich mit dem einen wie dem anderen auszukennen.

Gute Aussichten wurden den Sozialdemokraten eingeräumt. Nach dem Zweiten Weltkrieg von den Kommunisten geschluckt und 1989 wieder auferstanden, stellte die SPD glaubhaft eine neue politische Kraft dar. Die CDU hingegen schleppte den Rucksack der Blockpartei-Vergangenheit mit sich umher. Doch wie die SPD hatte die Christen-Union, wenn auch später und unter größeren Schwierigkeiten, im westdeutschen Pendant einen Partner gefunden.

Knapp an der absoluten Mehrheit vorbei

Sowohl bei CDU als auch bei SPD hatte dies allerdings einen der größeren Finanzkraft und Mitgliederzahl entsprechenden Einfluss der West-Schwester zur Folge. Die CDU verbündete sich schon vor der Wahl mit der Deutschen Sozialen Union (DSU), dem CSU-Partner im Osten, und dem Demokratischen Aufbruch (DA) zur "Allianz für Deutschland".Eine kurzzeitige Marke war so geschaffen worden, in die die gerade dem sozialistischen Zwang entronnenen Ostdeutschen all ihre Hoffnungen projizieren konnten: Eine starke Basis für ein geeintes Vaterland, mit der D-Mark als Morgengabe.

Als die Balken der ersten Hochrechnungen nach oben schossen, zeigte sich, dass die Allianz richtig kalkuliert hatte: Sie holte 48 Prozent, wovon 40,8 auf die CDU entfielen, und verfehlte die absolute Mehrheit nur knapp.

Die SPD fand sich bei enttäuschenden 21,9 Prozent wieder. Immerhin reichte das für die Regierungsbeteiligung. Auch die Liberalen des Bundes Freier Demokraten avancierten zum Koalitionspartner: Einschließlich der Stimmen der NDPD kamen sie auf knapp 6 Prozent. Die schwarz-rot-gelbe Koalition führte die DDR sechs Monate später in die Einheit.

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