Magdeburg l Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) hatte im Rahmen der Polizeistrukturreform angekündigt, dass die Polizei künftig innerhalb von 20 Minuten am Einsatzort sein soll. Doch die Realität sieht zumindest im Bereich der Polizeidirektion Nord anders aus. Zu ihr gehören neun Polizeireviere, die für 1,25 Millionen Menschen zuständig sind.

Nach einer Auswertung von rund 80000 Soforteinsätzen des vergangenen Jahres benötigte die Polizei vom Notruf bis zum Einsatzort im Schnitt knapp 25 Minuten. In Magdeburg waren es drei Minuten länger.

Am besten schneidet in der Erhebung die Altmark mit 20 bis 23 Minuten ab (siehe Infografik). Die Zahlen wurden 2014 erstmalig im neuen Lage- und Führungszentrum in Magdeburg erhoben. Die Technik kann die Einsätze auf die Sekunde genau abrechnen. "Unter den Soforteinsätzen sind auch Haus- und Familienstreitigkeiten oder Unfälle mit Blechschäden auf vielbefahrenen Straßen. Nicht mit eingerechnet sind aber Parkplatzrempler oder Anzeigenaufnahmen bei zurückliegenden Straftaten", sagt Polizeisprecher Marc Becher. Eine weitergehende statistische Erfassung nach wichtigen und besonders wichtigen Notfällen gebe es nicht.

Der Leiter des Lage- und Führungszentrums in Magdeburg, Polizeirat Sven Aschenbrenner, sagt: "Die meisten Einsatzorte werden in weniger als 20 Minuten erreicht. An manchen Tagen kracht es aber wetterbedingt zigmal in kurzer Zeit. Wenn dann nur zehn Fahrzeuge in Magdeburg im Einsatz sind, dauert es entsprechend."

Dennoch erscheint die Reaktionszeit im Vergleich mit anderen Städten sehr lang. So benötigte zum Beispiel die Duisburger Polizei (Nordrhein-Westfalen) im Jahr 2013 durchschnittlich 16 Minuten vom Notruf bis zum Einsatzort. Im ganzen Land waren es dort 14 Minuten.

Wolfgang Ladebeck von der Deutschen Polizeigewerkschaft in Magdeburg sagt: "In den 90er Jahren hatten wir sogar noch Zeiten von etwa 15 Minuten. Bei weiterem Stellenabbau dürfte es noch schlimmer werden. Andere Bundesländer haben weit bessere Reaktionszeiten." SPD-Innenexperte Rüdiger Erben: "Ich habe den Innenminister schon mehrfach aufgefordert, nicht nur die Weg-Zeit-Beziehung zu berücksichtigen, sondern auch das Einsatzaufkommen. Aber da bleibt Stahlknecht hart wie ein Panzer." In den Großstädten werde es dadurch künftig noch längere Wartezeiten geben als auf dem Lande.

Sebastian Striegel, Grünen-Innenpolitiker: "Wir werden uns weiter dafür einsetzen, dass die 20-Minuten-Regel im Polizeigesetz festgeschrieben wird." Oppositions-Kollegin Gudrun Tiedge (Linke): "Das ist überraschend schlecht." Innenministeriumssprecher Stefan Brodtrück sagt auf Nachfrage: "Wir kennen die Zahlen nicht und können sie deshalb noch nicht bewerten."

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