Magdeburg l Der Krebs frisst sich schneller durch als gedacht. Die Fachleute von Sachsen-Anhalts Straßenbaubehörde haben fünf Jahre lang versucht, das Problem bröselnder Autobahnpisten mit einer Oberflächenbehandlung zu lindern: Mal wurde die befallene Betonpiste mit einer Chemikalie "eingecremt", mal wurde eine dünne Schicht neuer Beton aufgetragen. "So für vier, fünf Jahre können wir den Prozess verzögern, doch eine dauerhafte Lösung ist das nicht", sagt Uwe Langkammer, Präsident der Landestraßenbaubehörde.

Mit dem "Prozess" ist eine chemische Reaktion im Beton gemeint, bei dem sich ein Alkali-Kieselsäure-Gel bildet. Das quillt im Laufe der Jahre auf und bricht den Beton dadurch von innen heraus auf. Landläufig spricht man von Betonkrebs. Untersuchungen in Sachsen-Anhalt zeigen, dass sich tief in der 30 Zentimeter dicken Betonplatte bis zu 1,20 Meter lange Risse bilden. Auch in oberflächen-behandelten Abschnitten bröselt es immer weiter. Langkammers ernüchterndes Fazit: "Ich befürchte, wir müssen wohl oder übel dazu übergehen, den Beton komplett zu erneuern."

124 Kilometer Autobahn sind vom Krebs betroffen

Das heißt: 30 Zentimeter Alt-Beton raus, Asphalt oder neuer Beton rein. Aufwand und Schaden sind gigantisch. 124 Autobahn-Kilometer Betonpiste (also beide Richtungsfahrbahnen) sind in Sachsen-Anhalt vom Krebs zerfressen. Bislang hat das Land gerade mal 14 Kilometer komplett ausgetauscht. In diesem Sommer kommen nun zehn hinzu. Jeder Kilometer kostet etwa eine Million Euro. Mehr als 100 Millionen Euro Kosten sowie ein Jahrzehnt voller Dauerbau- und Dauerstau-Stellen hat das Land nun vor sich.

Von den insgesamt 478 Autobahn-Kilometern sind in Sachsen-Anhalt 80 Prozent aus Beton. Der wurde in den 90er Jahren bevorzugt eingebaut, weil er bis zu 30 Jahre und damit etwa zehn Jahre länger als der damals gängige Asphalt halten sollte. Sollte.

Schon nach der Hälfte der Zeit ist nun gut ein Drittel der 300 Kilometer Beton-Piste brüchig. Einige Experten hatten vor bestimmten Kiesen aus bestimmten Regionen schon in den 90er Jahren gewarnt, da in der DDR zigtausend Beton-Bahnschwellen zerbröselten. Im Verdacht stand vor allem Kieselkreide, wie sie auch in der Region Halle vorkommt. Wissenschaftler aus Weimar hatten diese als deutlich reaktiver eingestuft, als dies die Bundesrepublik Anfang der 90er Jahre in ihren Richtlinien vorsah.

Andere Fachleute hielten dagegen, dass Tests mit einzelnen Zuschlagstoffen keine Probleme ergeben hätten. Ein anderes Bild ergab dann aber die Mixtur bestimmter Baustoffe, nachdem Witterung, Auftaumittel und Belastung auf sie einwirkten.

Die Sache scheint komplex. Fachleute aus Sachsen-Anhalts Verkehrsministerium resümierten: Bestimmte Kiese aus bestimmten Gruben lösen Krebs aus - die gleichen Kiessorten aus Gruben anderer Regionen dagegen nicht. Betroffen sind vor allem A-14-Strecken im Süden von Sachsen-Anhalt, die gesamte A 9 bis zur Landesgrenze nach Brandenburg. "An der A 2 haben wir überhaupt keine Probleme", sagt Langkammer. Auch in anderen Bundesländern hat der Krebs Strecken befallen.

Nach den bitteren Erfahrungen aus den 90er Jahren kommen Beton-Mischungen mittlerweile erst in Versuchskammern, ehe sie auf die Piste dürfen. Mit dem "neuen" Beton gibt es keine Probleme, sagt Langkammer. Bislang nicht. Die Straßenbauer haben mittlerweile großen Respekt vor den Tücken der Naturstoffe.

Der neue Asphalt soll 25 Jahre halten

Nach Ostern, von April bis in den späten Herbst, werden nun zwei Abschnitte komplett erneuert. Fünf Kilometer zwischen Bernburg und Plötzkau. Bis Juli ist die Fahrtrichtung Magdeburg dicht. Autos und Laster müssen sich mit jeweils einer Spur begnügen. Ab Ende Juli soll dann die Fahrtrichtung Dresden an die Reihe kommen.

Weitere fünf Kilometer Piste werden zwischen Halle-Trotha und Halle-Tornau erneuert. Auch da ist bis Juli zunächst die Magdeburger Richtung an der Reihe und gesperrt.

In beiden Abschnitten wird der Beton durch Asphalt ersetzt. Ist der dunkle Stoff doch besser? Langkammer verneint. "Es geht um die Zeit." Bitumen geht 20 Prozent schneller als Beton. Zum Einsatz kommt ein recht neues Produkt: Kompaktasphalt. Da werden die obersten Schichten in einem Ritt aufgebracht. Dieser Asphalt soll 20 bis 25 Jahre halten - und damit gut fünf Jahre länger als der herkömmliche Asphalt, der in drei Schichten nacheinander aufgewalzt wird.

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