Berlin l Am 19. Dezember 1989 hielt der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in Dresden vor der Frauenkirche seine schwierigste Rede, wie er in seinen Memoiren schrieb. In einer angespannten Zeit fand der Kanzler richtige Worte. "Aus Ängsten", sagte Kohl, "kann nichts Gutes erwachsen." Peter Tauber applaudiert noch immer innerlich, wenn er diese Zeilen rezitiert. Diese Aussage, so der Generalsekretär der CDU Deutschlands, gelte auch für die derzeitige Debatte um Zuwanderung.

Am Mittwochabend diskutierte Tauber darüber in der Berliner Landesvertretung Sachsen-Anhalts mit Ministerpräsident Reiner Haseloff, Innenminister Holger Stahlknecht (beide CDU), dem SPD-Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby und der Rektorin der Hochschule Magdeburg-Stendal, Anne Lequy. Haseloff sprach sich dabei erneut für ein bundesweites Zuwanderungsgesetz aus. "Sachsen-Anhalt braucht Zuwanderung, auch um den Fachkräftebedarf der Wirtschaft zu decken", sagte der Ministerpräsident.

In Sachsen-Anhalt kennen sich die Spitzenpolitiker aus mit Wanderungsbewegungen. In den 25 Jahren seit der Deutschen Einheit hat das Land rund 600000 Menschen durch Abwanderung verloren. Der demografische Wandel prognostiziert ein weiteres Schrumpfen der Bevölkerung. "Ohne Zuwanderung werden wir den Verlust von 100000 Arbeitsplätzen in Kauf nehmen müssen", schätzt Haseloff. Eine Hiobsbotschaft für die mittelständische Wirtschaft im Land.

Auch Peter Tauber hat das erkannt. Er ist der Realist unter den bundesdeutschen Christdemokraten in Berlin, fordert seit Monaten ein Zuwanderungsgesetz und holte sich dafür von seinen Parteikollegen bereits den ein oder anderen Seitenhieb ab. Tauber will ein Gesetz, das Einwanderer und Einheimische verstehen.

Sechs Millionen Zuwanderer benötigt

Der Generalsekretär, weit gereist, blickt nach Kanada. Dort gibt es ein Patensystem. "In Kanada bekommt jeder Einwanderer einen Einheimischen an die Hand, der ihm das Land näherbringt. Deutschland hat doch eine große Ehrenamtskultur", sagte Tauber. Auch in Deutschland könne das so funktionieren. Bis 2030 braucht Deutschland sechs Millionen Zuwanderer, rechnen Experten vor. Auch um den derzeitigen Stand bei Beschäftigung und den sozialen Sicherungssystemen zu halten. "Es ist nicht so, dass die ganze Welt nach Deutschland will. Wir müssen um die Menschen werben", erklärte Tauber.

Für Flächenländer wie Sachsen-Anhalt schlägt er eine regionalisierte Steuerung der Zuwanderung vor. Landkreise, so Tauber, sollen auch in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft ihren Bedarf ermitteln und darstellen. "Zuwanderung in die Metropolen ist kein Problem, aber es gibt auch in der Fläche Unternehmen, die Bedarf haben", so Tauber.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby ist mit 24 Jahren nach Deutschland eingewandert. Der gebürtige Senegalese warnt nun davor, die Suche nach Fachkräften mit der aktuellen Debatte um die Flüchtlinge zu vermischen. "Niemand verlässt freiwillig seine Heimat. Wir müssen uns auch überlegen, was wir tun können, damit niemand mehr seine gewohnte Umgebung verlassen muss", so der Hallenser. In Deutschland sei es wichtig, geflüchteten Menschen sofort einen Sprachkurs anzubieten.

Auch Anne Lequy ist ein Paradebeispiel gelungener Zuwanderung. Die gebürtige Französin ist seit Februar des vergangenen Jahres Rektorin der Hochschule Magdeburg-Stendal. Ihre Hochschule wirbt gezielt um ausländische Studierende, vor allem aus Brasilien und Jordanien. Lequy übt scharfe Kritik an den ausländerfeindlichen Demonstrationen. Magida sei ein Anzeichen dafür, dass in Sachsen-Anhalt das Fremde fehle, sagte Lequy mit Blick auf einen Ausländeranteil von nur gut zwei Prozent im Bundesland. "Wir hätten weniger Probleme, auf diese fremden Menschen zuzugehen, wenn wir im Alltag mehr Möglichkeiten hätten, ihnen zu begegnen", erklärte Lequy.

Sachsen-Anhalt brauche ein "Umschalten im Kopf", mahnte Innenminister Holger Stahlknecht. Patenschaften für Flüchtlinge soll es im Land bald geben. "Wir haben eine funktionierende Ehrenamtskultur", sagte der Minister. Stahlknecht will positive Beispiele für Integration schaffen. Doch ihm ist bewusst, dass der Anschlag von Tröglitz noch immer einen Schatten auf die Flüchtlingspolitik des Landes wirft.

   

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