Flüchtlinge willkommen
Als Zeichen der Gastfreundschaft haben beide großen Kirchen in Sachsen-Anhalt den Kommunen Wohnraum für Flüchtlinge angeboten. Es handelt sich vor allem um ungenutzte Pfarrhäuser. "Wir haben aber bislang kaum Rückmeldungen bekommen", sagt Friedemann Kahl, Sprecher der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Auch Magdeburgs katholischer Bischof Gerhard Feige hat alle Gemeinden seines Bistums aufgerufen, kirchliche Immobilien für Flüchtlinge zu öffnen.

Davon zu trennen ist das sogenannte Kirchenasyl, mit dem Kirchengemeinden Flüchtlinge vor einer Abschiebung zu schützen suchen. In Sachsen-Anhalt gibt es einige wenige Fälle, über die die Kirchen nicht gern reden. Zuletzt hatte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) das Kirchenasyl kritisiert.

Haldensleben l An der schweren Holztür haben Sternsinger mit Kreide ihren Segensspruch hinterlassen, darunter klebt ein Zettel für die Post: Pfarrer Runge wohnt hier nicht mehr.

Jahrzehntelang war dieses Haus die Amtswohnung des katholischen Pfarrers von Haldensleben. Seit vier Wochen aber dient es als Zuhause für neun junge Männer, die vor der Diktatur in ihrem Heimatland Eritrea geflüchtet sind.

Der Impuls für die Gastfreundschaft, sagt Pfarrer Runge, ging von Papst Franziskus aus, dem bescheiden lebenden Kirchenoberhaupt in Rom. "Ich war auf dem Franziskus-Pilgerweg und habe mich unterwegs für mein eigenes Leben gefragt: Geht es auch einfacher?", erzählt Runge.

Es ging. Mit Erlaubnis des Bischofs zog er aus dem großen Pfarrhaus in eine Art Katholiken-WG, jetzt lebt er unter einem Dach mit dem Diakon der Gemeinde und dessen Frau. "Mir reichen zwei Zimmer, die Küche teilen wir uns", sagt Runge. Das leerstehende Pfarrhaus mit 150 Quadratmetern Fläche bot er dem Landkreis Börde als Wohnung für Flüchtlinge an - und die Behörde greift zu.

Die Geschichten der neuen Hausbewohner, allesamt Christen, ähneln sich: In Eritrea gerieten sie in Konflikt mit der Militärregierung und machten sich auf die lebensgefährliche Reise über das Mittelmeer. Etwa Simon Okbamichael, der von allen am besten Englisch spricht. Nach einer Verhaftung durch die Armee wird er freigelassen, ohne dass er jedoch seinen Ausweis zurückerhält. Zwei Jahre schlägt er sich ohne diesen durch, bis man ihn erneut festnimmt und ihm dabei den linken Arm bricht. Ohne Behandlung bleibt er in einer überfüllten Zelle und wird schließlich gemeinsam mit vielen anderen zum Militär gepresst. "80 von uns haben beschlossen, dass wir gemeinsam die Mauer eindrücken und aus dem Lager fliehen. Man hat auf uns geschossen, einige sind getötet worden." Okbamichael schlägt sich durch bis Äthiopien, über den Sudan erreicht er in Libyen die Küste des Mittelmeers. Auf einem Schlepperboot schafft er es im Oktober 2013 nach Italien und als blinder Passagier im Zug nach Deutschland. Zuletzt hat er in einer Haldensleber Sammelunterkunft gelebt.

Für die Aufnahme im Pfarrhaus bekommt die Kirche Miete vom Landkreis, sie kann das Geld gut gebrauchen. Zugleich aber eröffnet es der Gemeinde die Chance, zu helfen. "Ich wusste vorher gar nichts über Eritrea", gesteht Runge. "Da entsteht eine ganz andere Nähe, als wenn die im Flüchtlingsheim wohnen."

Zur Begrüßung der Afrikaner gab es ein Willkommensfest. Später haben Gemeindemitglieder geholfen, ein Stück des verwilderten Gartens urbar zu machen, damit die Gäste Tomaten und Möhren anbauen können. Frei von Irritationen ist das Verhältnis nicht. Acht der neun Eritreer sind orthodox. Ein gemeinsames Gebet mit den Haldensleber Katholiken war für einige von ihnen unvorstellbar. Und etliche der Einheimischen dürften der Zeit nachtrauern, als der Pfarrer noch im Schatten des Glockenturms wohnte.

Keinerlei Kontaktscheu hat Simon Okbamichael, unter den Hausbewohnern der einzige Katholik. Sein Nachname erinnert an den Erzengel Michael - und genau der prangt auch schwerterschwingend über dem Portal der Kirche. Okbamichael besucht dort oft die Sonntagsmesse. "Sehr freundlich" seien die Menschen in Haldensleben, lobt er, "das sind gute Leute."