Sachsen-Anhalt will von der überdurchschnittlich hohen Quote von Schülern an Förderschulen abrücken. Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf sollen künftig bevorzugt in allgemeinen Schulen unterrichtet werden, wie der Landtag am Mittwochabend beschloss. Bei der Umsetzung gibt es allerdings Probleme.

Magdeburg. Mit gegenwärtig 7,4 Prozent Förderschülern liegt Sachsen-Anhalt weit über dem Bundesdurchschnitt von 4,4 Prozent (2008). Auch beim Anteil der Schüler ohne Hauptschulabschluss verzeichnet das Land unrühmliche Spitzenwerte. Die Zahl stieg zuletzt kontinuierlich von 10,4 Prozent 2007 auf 12,7 Prozent 2010. Der Bundesdurchschnitt beträgt 7,5 Prozent (2008).

Das Kultusministerium sieht beide Größen im Zusammenhang: Weil die Schülerzahlen an Gymnasien und Sekundarschulen sanken, der Anteil von Schülern aus Lernbehinderten-Schulen aber gleich blieb, sei die Quote von Schülern ohne Hauptschulabschluss gestiegen.

Verstärkt sollen nun Förderschüler, vor allem Lernbehinderte, in allgemeine Schulen integriert werden. Das entspricht der UN-Behindertenrechtskonvention, wonach Schüler mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf gemeinsam unterrichtet werden sollen. Der Landtag untermauerte dieses Ziel, indem er die Empfehlung des Bildungskonvents, den sogenannten gemeinsamen Unterricht zur "bevorzugten Form" der Förderung zu entwickeln, aufgriff.

Sachsen-Anhalt hat die Zahl von Förderschülern im gemeinsamen Unterricht binnen zwei Jahren auf 2600 verdoppelt – gerät aber jetzt an Grenzen. "Das Land hat bei der Vorbereitung der Schulen auf den gemeinsamen Unterricht geschlafen", kritisiert Jan Schirmer, Geschäftsführer des Verbandes Sonderpädagogik (vds) Sachsen-Anhalt. Man habe es versäumt, schon vor Jahren mehr Sonderpädagogen auszubilden, und sich sogar noch Fachkräfte abwerben lassen. Es mangele auch an Fortbildungen dazu.

Den Ausbau des gemeinsamen Unterrichts begrüßt Schirmer. "Schüler mit Förderbedarf in die allgemeinen Schulen hineinzunehmen, heißt aber nicht automatisch, dass es ihnen gut geht", sagt er. Voraussetzung sei, dass die Schüler durch Sonderpädagogen und Therapeuten begleitet werden. Daran mangelt es jedoch ebenso wie an Zeit. Zwar weist das Land den Schulen für jeden Förderschüler zwei Lehrerwochenstunden zur Unterstützung zu. Es fehlt aber an Fachkräften. Von 70 ausgeschriebenen Stellen für Förderschullehrer konnten 2010 nur 44 besetzt werden.

Zudem fehlen die abgeordneten Sonderpädagogen vielfach an ihren Stammschulen. "Es gibt Förderschulen, in denen drei Viertel der Fachkräfte zu großen Stundenteilen abgeordnet sind", weiß Schirmer. Dadurch könnten die Schulen nicht professionell arbeiten. Förderschüler seien mehr als andere darauf angewiesen, feste Bezugspersonen zu haben.

Dem vds-Vorstandsmitglied Lutz Schörner zufolge hat das Land schon vor zehn Jahren verordnet, dass der gemeinsame Unterricht zu bevorzugen sei. Dann sei aber wenig passiert. "Jetzt fällt das allen auf die Füße."

Der hohe Anteil von Schülern mit Förderbedarf in Sachsen-Anhalt wird nach Ansicht des vds dadurch begünstigt, dass viele gut Qualifizierte abwandern, während viele bildungsferne Familien zurückbleiben. Eine reizarme Umgebung in den frühen Lebensjahren könne zu Entwicklungsverzögerungen und Verhaltensauffälligkeiten führen.Meinung

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