Stendal. Gekauftes Brot kommt im Färberhof nicht auf den Tisch. In dem Stendaler Kinder- und Familienzentrum wird alles selbst gebacken. Dabei verwenden die beiden Köche nicht einmal gekauftes Mehl. "Wir mahlen es selbst, aus altmärkischem Bio-Korn", sagt Küchenleiterin Nadine Würdemann. In fertigem Mehl seien die Keime, die die wertvollsten Nährstoffe enthielten, abgetötet.

Das vor sechs Jahren eröffnete Zentrum, in dem zurzeit 65 Kinder betreut werden, setzt konsequent auf Gesundheit. Darunter verstehen die 15 Mitarbeiter weit mehr als gesunde Ernährung. "Gesundheit ist nicht allein das Nicht-Vorhandensein von Krankheit", sagt Geschäftsführerin Marika Mund. "Und auch nicht, mal ein bisschen Obst zu servieren." Gesundheit umfasse das gesamte seelische Wohlbefinden, so die Sozialpädagogin.

Wohlbefinden fängt für den Färberhof damit an, jedem Kind das Gefühl zu vermitteln, dass es bedingungslos gemocht wird. Die Kinder haben viele Freiräume, werden nicht ständig beobachtet, was ihr Selbstbewusstsein stärken soll. Eine ganz wichtige Rolle spielt in dem Zentrum die alltägliche Bewegung. Ständiges Treppensteigen wird auch für die Kleinsten als positiv erachtet, wo es nur geht, sind die Kinder in der Natur.

"Das Grundprinzip einer gesunden Lebensweise ist in der Gesellschaft total verloren gegangen", hat Marika Mund festgestellt. Die Gesundheit von Kindern habe sich enorm verschlechtert. "Bei Lebensmitteln ist vielen nur wichtig, dass sie billig sind."

Insbesondere Kinder aus benachteiligten Familien haben Gesundheitsprobleme, wie es auf der 5. Landesgesundheitskonferenz vergangene Woche in Magdeburg hieß. Sie seien häufiger übergewichtig und krank als andere Kinder.

Um das Gesundheitskonzept des Färberhofs konsequent umzusetzen, haben sich die Mitarbeiter eigens fortgebildet. "Pädagogen haben eine riesige Verantwortung für die Gesundheit von Kindern", sagt Marika Mund. "Wir leben es ihnen vor." Die Geschäftsführerin befolgt dies auch privat: "Wir haben uns zu Hause beim Kochen komplett auf gesunde Ernährung umgestellt", berichtet die zweifache Mutter.

Färberhof-Küchenleiterin Nadine Würdemann hat viel über Vollwertkost gelesen und mit Experten gesprochen. Jetzt gehören Linsenfrikadellen und rote Beete aus dem Backofen zu ihren Spezialitäten. Fleisch wird den Kindern maximal zweimal pro Woche serviert, Schweinefleisch nie.

Zucker und Süßigkeiten sind im Färberhof tabu. Zum Süßen wird Honig verwendet, zum Naschen gibt es maximal Traubenzucker. Beim Topfschlagen liegen keine Bonbons unter dem Topf, sondern Zettel mit Zungenbrechern. "Daran haben die Kinder dann gleich noch einmal ihren Spaß", erzählt die pädagogische Bereichsleiterin Roxane Thiele.

Wie in dem Familienzentrum gekocht wird, hat sich in der Stadt herumgesprochen. "Schulen fragen bei uns an, ob wir für sie mitkochen können", berichtet Würdemann. Die Küche wird nun erweitert: Die Köchin und ihre beiden Kollegen wollen im Sommer ein Haus gegenüber des Färberhofs beziehen – und dort auch einen Vollwertkost-Imbiss einrichten.

Ganz wichtig ist dem Färberhof, beim Gesundheitskonzept die Eltern mitzunehmen. Schon vor der Aufnahme werden sie detailliert darauf vorbereitet, was sie und die Kinder erwartet. Dazu kommt ein verbindlicher Workshop über Ernährung. Zur Teilnahme verpflichten sich die Eltern im Betreuungsvertrag. Wer mag, kann in dem Zentrum mit frühstücken. Eng arbeitet der Färberhof zudem mit dem benachbarten Naturkosthandel zusammen, dessen Inhaber auch eine Kochschule betreibt.

Dass der Gesundheitsgedanke bei den Eltern ankommt, zeigt sich nicht nur darin, dass einige ab und zu Rezepte erfragen. Eine Mutter hat dem Färberhof nun eine ganze Trinkwasserfilteranlage spendiert, damit der künftig ohne Plastikflaschen auskommt. Und ohne Trinkbecher aus Plastik: Die Mutter finanziert auch neues Geschirr.Meinung

 

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