Er bezwang als erster Mensch ohne Sauerstoff den Mount Everest, er bestieg alle 14 Achttausender der Erde und er ging 2000 Kilometer zu Fuß durch die Wüste Gobi - die Liste der Abenteuer von Reinhold Messner ist lang. Im April kommt der Südtiroler nach Magdeburg und hält im AMO unter dem Titel "Leben am Limit" einen multimedialen Vortrag. Volksstimme-Mitarbeiter Marco Papritz hat sich mit ihm unterhalten.

Volksstimme: Sie haben einmal gesagt: "Freiwillig gehe ich durch die Hölle." Was treibt Sie dazu, sich extremen Bedingungen auszusetzen?

Reinhold Messner: Ich mache das nicht nur freiwillig, sondern alles ausgebend: meine Energie, meine Kraft, meine Begeisterung. Wir gehen dorthin, wo wir umkommen könnten, um nicht umzukommen. Das ist völlig schizophren. Aber das, was dabei herauskommt, nämlich das Gefühl des Wiedergeborenwerdens, kann ich nur bekommen, wenn ich vorher durch die Hölle gehe. Dann wird uns erst klar, wie wertvoll dieses nackte Leben ist.

Volksstimme: Wann fing diese Begeisterung für das Extreme bei Ihnen an?

Messner: In jungen Jahren. Ich bin nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen - die einzige Möglichkeit, sich auszutoben, hatten wir nur in den Bergen und Felsen. So bin ich früh zum Kletterer geworden. Und später zum Bergsteiger. Das hat sich weiter gesteigert durch die Neugierde, die ich hatte. Ich bin immer in neue Gebiete aufgebrochen. Nachdem ich Bergsteiger war, bin ich Höhenbergsteiger geworden, bin zum Nordpol und in die Antarktis, habe dann dem Yeti nachgestellt. Heute mache ich auch viel mit Kultur.

Volksstimme: Stichwort Messner Mountain Museum, zu dem vier Museen gehören. Das fünfte entsteht gerade auf Schloss Bruneck im Pustertal.

Messner: Das ist richtig. Ich betreibe alle diese Museen ohne Subventionen. Ich erzähle im Großen und Ganzen, was passiert, wenn sich Mensch und Berg begegnen. Vor 15 Jahren habe ich die Idee entwickelt, nicht etwa ein Haus zu bauen mit fünf Stockwerken, sondern fünf Häuser mit verschiedenen Themen zu erstellen, die von der Landschaft von außen geprägt sind. Das Eismuseum etwa ist in die Erde gebaut unter einen Gletscher. Man kann den Gletscher von dort greifen. Alle fünf Museen ergeben ein großes.

Volksstimme: Sie gelten durch ihre Besteigungen und Projekte als Erfolgsmensch, der aber auch viele Opfer gebracht hat. Körperlich mussten Sie den Verlust von Fußzehen hinnehmen. Psychisch war der Tod Ihres Bruders Günther bei der Siegi-Löw-Gedächtnisexpedition zum Nanga Parbat 1970 prägend. In welchen Momenten haben Sie an sich gezweifelt?

Messner: Das gab es des Öfteren. Im Grunde beruhen meine Erfolge auf gescheiterten Expeditionen. Gelernt habe ich beim Scheitern. Die große Lebensfrage kam nach dem Nanga Parbat: Nicht nur, weil ich mich selber gefragt habe, sondern weil auch meine Eltern und Brüder gesagt haben, ich solle das lassen. Dann habe ich allein und bewusst die Entscheidung getroffen und mir gesagt: Ich kann meinen Bruder nicht wieder lebendig machen, indem ich auf meine Leidenschaft verzichte. Ich bin dann richtig als Profi in das Extrem-Bergsteigen eingestiegen.

Volksstimme: Sie sagen, Bergsteiger sind keine Helden.

Messner: …weil alles das Gegenteil von Heldentum ist, was wir da machen. Jemand, der freiwillig in die Wildnis geht, der freiwillig durch die Hölle geht, der ist kein Held, sondern macht seine Experimente. Wir gehen nicht in die Berge, um Helden zu spielen. Dort kommen wir drauf, dass wir Mängelwesen, voller Ängste und ungeschickt sind und keine unendliche Ausdauer haben. Und dass wir sehr schnell an unsere Grenzen kommen. Aber nur weil das so ist, können wir unsere Erfahrungen machen. Und darauf kommt es an, dass ich diese menschlichen Erfahrungen mit nach Hause nehme. Ich bin der Erste gewesen, der ganz offen über seine Ängste und Zweifel gesprochen hat. Ich sehe mich nicht als Helden, sondern als gebrochene Figur. Ich habe den Tod meines Bruders zu verantworten. Und diese Last, diese Verantwortung habe ich zu tragen.

Volksstimme: Sie machen sich heute noch Vorwürfe?

Messner: Wenn ich nicht gewesen wäre, wäre er nicht mitgegangen. Wenn ich nicht vorgestiegen wäre, wäre er nicht nachgestiegen. Andere tun so, als hätten sie die Verantwortung gehabt. Das ist völlig irre, was da abgelaufen ist. Das brauche ich gar nicht, da ich schon genug Last zu tragen habe. Es kann sein, dass ich dazu mal ausführlich etwas schreibe, da ich keinen Grund habe, diese Geschichte unter den Teppich zu kehren.

Volksstimme: Die Liste Ihrer Bergbesteigungen ist lang: Sie sind Politiker für die italienischen Grünen im europäischen Parlament gewesen, sind Buch- und Filmautor, Sie züchten Yaks. Worum geht es bei "Leben am Limit"?

Messner: Ich werde das Know-how, vor allem das psychologische, weitergeben. Also: Wie ticken wir Bergsteiger, die gegen jede Vernunft einfach in die Wildnis hineingehen? Das werde ich über eine große Leinwand mit Fotos und Filmsequenzen erzählen.

Volksstimme: Sind Sie ein Getriebener, Herr Messner?

Messner (schmunzelnd): Das kann ich nicht von mir weisen. Meine Träume sind viele, meine Wünsche sind viele – und ich bin ein Realisierer. Ich sitze nicht auf meinen Luftschlössern herum, sondern ich realisiere das, was ich mir als Vision vorstelle.

Einblicke in seine Visionen gibt Reinhold Messner am Freitag, 8. April, ab 20 Uhr unter dem Titel "Leben am Limit" live im AMO in Magdeburg.