In einer Serie zur Landtagswahl am 20. März stellt die Volksstimme die Spitzenkandidaten von Grünen, FDP, SPD, Linken und CDU vor. Heute: Claudia Dalbert von Bündnis90/Die Grünen, die nach 13 Jahren wieder den Sprung in den Landtag schaffen wollen.

Oschersleben. Eine riesige aufblasbare Kartoffel bauen grüne Aktivisten an diesem kalten Frühlingstag auf dem Oschersleber Marktplatz auf. Nicht etwa eine Solarzelle, sondern ein Dieselaggregat sorgt für konstanten Luftdruck in dem Monstrum. Obwohl die übergroße Gummikartoffel nicht zu übersehen ist, die Hand voll grüner Aktivisten um Spitzenkandidatin Claudia Dalbert steht an diesem sehr windigen Tag, an dem offiziell ihre Wahlkampftour durch Sachsen-Anhalt startet, eher etwas verloren da.

Freundlich versucht die 56-jährige Hallenserin mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Im Vorbeigehen nehmen sie ihr das Wahlkampfblatt mit der Schlagzeile "Frisches Grün braucht das Land!" ab. Es scheint fast so, als interessiere sich – hier auf dem flachen Lande – fast niemand für die Grünen. "Wir gehen bewusst auch in die breite Region", sagte Claudia Dalbert. Die flache Börde ist nicht gerade die Region, in der die Grünen ihr klassisches Wählerpotenzial finden. Dalberts Markenzeichen ist an diesem Tag ein grüner Schal, mit Sonnenblumenmotiv.

Noch am Vormittag klebte sie in Magdeburg Wahlplakate, umringt von Fotografen. Am Nachmittag geht es von Oschersleben aus nach Üplingen (Landkreis Börde). Symbolische Feldbesetzung - wieder mit aufblasbarer Riesenkartoffel und Protestschildern, die schnell aus dem Auto herangeholt werden. "Anbau ohne Gentechnik" steht darauf. Eine Kampfansage an "Amflora", eine von dem Chemiekonzern BASF gentechnisch veränderte Kartoffelsorte, deren Stärkeanteil erhöht wurde, um industrielle Prozesse - unter anderem die Papierherstellung – effizienter zu machen. Claudia Dalbert lässt gelbe Luftballons in den Himmel gleiten.

"Du bist jetzt hier zu Hause"

Die Aktion der Gentechnik-Gegner scheint in dem Bördedorf niemanden zu interessieren. Bis auf zwei Polizisten und ein paar Wachschützer gibt es keine Zuschauer. Das einsame Rufen am Feldrand gegen gentechnisch veränderte Pflanzen gar als Indiz für mangelndes Interesse an den Grünen zu deuten, wäre falsch. Die Chance, nach 13 Jahren außerparlamentarischer Opposition wieder in den Landtag einziehen zu können, sind für die Grünen so gut wie seit langem nicht. In den jüngsten Umfragen lagen die Grünen konstant bei sieben Prozent.

Spitzenkandidatin Claudia Dalbert hat im Kampf um die Gunst der Wähler im Gegensatz zu ihren Mitbewerbern der anderen großen Parteien wie beispielsweise CDU, Linke und SPD einen entscheidenden Nachteil: Während Haseloff, Gallert und Bullerjahn in Sachsen-Anhalt durch ihre jahrelange Arbeit in der Politik einen Namen haben, kennt die Hallenser Professorin "mit Kölner Migrationshintergrund" dagegen hierzulande kaum jemand.

Dabei hat die Frau mit den dunkelblonden, mittellangen Haaren, der schwarz geränderten Brille eine Parteikarriere hingelegt, die es so häufig in Deutschland nicht geben dürfte. Vom Parteieintritt 2007 bis zur Kür als Spitzenkandidatin 2010 sind nur knapp drei Jahre vergangen. Diesen herausragenden Posten hat sie eigentlich gar nicht angestrebt, wie sie erzählt. Ihr ursprüngliches Ansinnen war es, im Grünen-Stadtverband in Halle mitzumischen. Nach Jahren an verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen, zuletzt mit Vertretungsprofessur an der Universität Kaiserslautern, konnte sie nach ihrem Ruf 1998 an die Universität in Halle endlich sagen: "Der Koffer steht jetzt nicht mehr in der Ecke. Du bist jetzt hier zu Hause."

So kam mit Anfang 50 der Entschluss, bei den Grünen Mitglied zu werden. Dass dem Parteieintritt ein solch rasanter Aufstieg folgte, ist sicher auch der allgemein dünnen Personaldecke bei den Grünen geschuldet. Mit 600 Mitgliedern derzeit gehören der Partei in Sachsen-Anhalt so viele Mitglieder wie noch nie an. Und Claudia Dalbert gibt auch einen sehr persönlichen Grund an: Als Professorin hat sie die Möglichkeit, im Gegensatz zu vielen anderen Parteifreunden, ihre Zeit freier einteilen zu können. Derzeit absolviert sie ein Forschungssemester, für den Wahlkampf hat sie sich Urlaub genommen.

Politisch engagiert hat sie sich aber, wie sie betont, schon seit ihrer Jugend. Während ihres Psychologiestudiums in Trier war sie Mitglied in der Sozialistischen Unabhängigen StudentenInitiative (SUSI), engagierte sich gegen den Bau des Atomkraftwerks Cattenom in Frankreich in unmittelbarer Nähe zur saarländischen Grenze. "Ich bin schon länger grün, als es die Grünen überhaupt gibt." Dabei kommt die Psychologin aus einer gar nicht grünen Familie. Ihr Vater war Stadtrat in Köln, bei der CDU.

Ihr beider gemeinsames verbindendes Lebensthema war, so die Tochter, Gerechtigkeit. Beim Vater über sein Wirken in den CDU-Sozialausschüssen, bei der Tochter über die Wissenschaft. Nicht von ungefähr lautet auch das Thema ihrer Habilitationsschrift 1995 "Über den Umgang mit Ungerechtigkeit". "Ich bin damit groß geworden, dass jeder Mensch gleich viel Wert ist." Und sie schiebt nach: "Auch als Frau." Eine Bemerkung, die ihre Sozialisation in der "Bundesrepublik alt" nicht treffender beschreiben könnte. "Als nur Hausfrau und Mutter habe ich mich nie gesehen", antwortet sie auf die Frage, warum sie keine Kinder hat. Und schiebt nach, dass ihre Tätigkeit als Wissenschaftlerin Kinder schwer möglich gemacht hätte. Viele ihrer Kolleginnen hätten sich deshalb erst mit 40 für ein Kind entschieden.

Das Thema Gerechtigkeit ist für Claudia Dalbert im Kern eine Wertedebatte, die sie so auf den Punkt bringt: Warum können wir nicht anstatt einer Nordverlängerung der A14 nicht eine vierspurige Bundesstraße bauen, die pro Kilometer nur zwei statt acht Millionen Euro kostet? Das eingesparte Geld dafür könnte in Bildung und Wissen gesteckt werden, eines der großen grünen Wahlkampfthemen neben dem Ausbau erneuerbarer Energien.

Die Schnittmengen sowohl mit SPD und den Linken sind unverkennbar. Und vor diesem Hintergrund hat sich Dalbert lange Zeit um eine Koalitionsaussage gedrückt: Die Alternative zu der fast ausgemachten Fortführung eines schwarz-roten Bündnisses - nämlich Rot-Rot-Grün – hatte Dalbert erst am vergangenen Wochenende ins Gespräch gebracht. Eine Rolle für die eher ungewohnte Zurückhaltung der Grünen dürften auch die Berliner Parteifreunde auf Bundesebene spielen. Die alles daransetzen, nach den Landtagswahlen in Baden-Württemberg eine Landesregierung mit grüner Beteiligung zu etablieren, mancher Parteifreund träumt gar vom ersten grünen Ministerpräsidenten. Sachsen-Anhalts kleiner Landesverband spielt da im großen Machtpoker zwischen den zwei großen politischen Lagern in der Bundesrepublik eher eine untergeordnete Rolle.

Möglich, dass auch die Unerfahrenheit Dalberts in der Politik mit ein Grund für die Zurückhaltung ist. Die Grünen haben sich nach ihrem Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde bei den Landtagswahlen 1998 völlig neu aufstellen müssen. Nach dem Aus auf parlamentarischer Ebene waren Strukturen weggebrochen. Die Aktiven und Mandtagsträger von einst, so bekannte Namen wie Hans-Jochen Tschiche oder Heidrun Heidecke, die aus Oppositionsgruppen heraus den Umbruch in der DDR gestalteten und dann bei Bündnis90 landeten und später den Grünen, sind nicht mehr aktiv beziehungsweise aus der Partei ausgetreten.

An der Spitze hat sich der Landesverband völlig neu aufgestellt: mit neuen Leuten, die den Anfang in Sachsen-Anhalt nicht mehr selbst mitgestaltet haben. Und zwischenzeitlichen Scharmützeln um Co-Landeschef Christoph Erdmenger, der im vergangenen Jahr auf einem Parteitag abgewählt und wenige Monate später in sein Amt wiedergewählt worden war. In allen 45 Wahlkreisen sind die Grünen mit eigenen Kandidaten präsent, die 22 Listenplätze mit kompetenten Leuten besetzt. Dalbert selbst muss ihre Rolle auf der politischen Bühne erst finden - bisher war der Hörsaal ihre Heimat.

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