Magdeburg. Es ist einer dieser bewegenden Momente. Die Delegierten beim SPD-Parteitag in Magdeburg erheben sich von ihren Plätzen und applaudieren im Stehen. Vorne steht Manfred Püchel. In seinem Gesicht zuckt es. Er hat große Mühe, die Tränen zurückzuhalten. "Ich bin gerührt", sagt der Etgerslebener mit brüchiger Stimme. Dem 59-Jährigen wird ein würdevoller Abschied aus der Landespolitik bereitet.

SPD-Landeschefin Katrin Budde schenkt ihm eine Holzskulptur, angefertigt von ihrem Vater, dem Künstler Martin Hoffmann. Ein Börde-Napoleon, bewaffnet mit einer Kettensäge.

Börde-Napoleon – so nannte Ex-Grünen-Fraktionschef Hans-Jochen Tschiche einst Püchel. Das sollte spöttisch klingen, doch Püchel fühlte sich geadelt. Und dann die Sache mit der Kettensäge. Im Jahr 2000 wollte der damalige Innenminister Püchel das Polizeigesetz verschärfen. Der einstige Tolerierungspartner PDS wollte nicht mitmachen, auch die SPD schwankte, Püchel ließ seinen Frust im heimischen Garten ab und wütete mit der Kettensäge. Diese Geschichte ist legendär.

"Ich habe dir damals meine Stimme nicht gegeben", sagt Budde mit Blick auf das Polizeigesetz, das seinerzeit doch noch im Sinne Püchels beschlossen wurde. "Aber", so die Landeschefin weiter, "meinen Respekt hattest du immer." Umarmung, Blumen.

Auch von SPD-Spitzenmann Jens Bullerjahn. Er und Püchel waren nie große Freunde. Aber an diesem Sonnabend werden starke Zeichen der Aussöhnung ausgesendet.

Diese Szene zeigt beispielhaft, dass die über viele Jahre zerstrittenen Sozialdemokraten derzeit geschlossen sind wie selten zuvor – trotz der großen Enttäuschung über das Ergebnis bei der Landtagswahl. Es gab danach keine öffentlichen Vorwürfe ans Spitzenpersonal, keine Selbstzerfleischung, keine Selbstkasteiung.

Katrin Budde räumt beim Parteitag ein: "Das Wahlergebnis am 20. März war eine Enttäuschung für uns." Die SPD hatte nur 21,5 Prozent geholt, dritter Platz hinter CDU und Linken. Doch schnell richtet Budde den Blick nach vorn: "Wir wollen es das nächste Mal besser machen, und ich bin überzeugt, dass wir es besser machen können." Dass die Sozialdemokraten so entspannt wirken, liegt auch am mit der CDU ausgehandelten Koalitionsvertrag. Budde sagt: "Man hat den Koalitionsvertrag ja schon mit Marienkäfern verglichen. Rot mit schwarzen Tupfern. Wohl wahr!" Man habe es in den Verhandlungen "kaum noch besser machen können", jubelt Budde.

Und so überrascht es nicht, dass der Parteitag friedlich verläuft. Juso-Landeschef Andrej Stephan beginnt seine Ausführungen mit dem Satz: "Die befürchtete Brandrede gibt es nicht." Noch in der vorigen Woche hatte der Nachwuchs der Parteispitze mächtig Feuer gemacht. Keine Zustimmung zum Koalitionsvertrag, wenn die Hochschulen dem Wirtschaftsministerium zugeschlagen werden. Jetzt sagt Stephan ganz handzahm, nun ja, im Koalitionsvertrag stehe "ziemlich viel Gutes drin". Er wolle nur "ein bisschen Kritik" üben, die aber konstruktiv.

Interessant ist übrigens: Der Koalitionsvertrag sieht eine Verschärfung des Polizeigesetzes vor – wie seinerzeit bei Manfred Püchel. Wieder protestiert die Linke. Sie sieht die politischen Freiheiten und die Privatsphäre der Menschen immens bedroht.

Doch diesmal kommt kein Widerspruch aus der SPD, auch nicht von Katrin Budde.

Der Koalitionsvertrag trägt schließlich auch ihre Unterschrift.