Ein Forschungsprojekt am Universitätsklinikum Magdeburg wird jetzt eine besondere Ehre zuteil. Das US-Fachmagazin "Journal of Neurosurgery", weltweit führend in der Publikation neurochirurgischer Forschung, widmet dem Ergebnis einer zehnjährigen Studie einen Beitrag. Neurochirurgen und Augenärzte haben neuartige Möglichkeiten zur Bestimmung des Hirndrucks untersucht.

Magdeburg. Die Krankheit, um die es geht, wird umgangssprachlich als "Wasserkopf" (Hydrocephalus) bezeichnet. Dabei handelt es sich um eine krankhafte Erweiterung der Flüssigkeitsräume des Gehirns. Die Ursachen dafür können sehr unterschiedlich sein. Bei Säuglingen kann sich der Kopf wegen des noch nicht gefestigten Schädels ballonartig vergrößern. Später kann der erhöhte Druck im Kopf zu starken Schädigungen des Gehirns und sogar zum Tod führen.

Auch wenn heute nicht mehr wie in früheren Jahrhunderten Kinder mit "Wasserköpfen" öffentlich sichtbar sind, die Krankheit selbst gibt es durchaus noch. Nur müssen die Patienten glücklicherweise nicht mehr mit den entsprechenden Deformierungen leben. "In unserer Klinik behandeln wir etwa 100 Patienten im Jahr", berichtet Prof. Raimund Firsching, Leiter der Klinik für Neurochirurgie am Magdeburger Universitätsklinikum. Ziel ist es, einen Druckaufbau im Kopf von Beginn an zu verhindern. Firsching: "In der Regel wird die Flüssigkeit aus dem Kopf über einen Katheder, der unter der Haut verlegt wird, in den Bauchraum abgeleitet. Dadurch wird verhindert, dass sich im Kopf ein erhöhter Wasserdruck aufbaut."

Die Messung des Hirndrucks ist sowohl zur Behandlung als auch für die stetige Kontrolle der Krankheit besonders wichtig. "Bisher ist dafür grundsätzlich eine operative Öffnung des Schädels erforderlich, um in den Schädelinnenraum eine Sonde oder einen Katheter einzusetzen", so der Neurochirurg. Um einige Patienten in Zukunft diesen schwerwiegenden Eingriff zu ersparen, haben die Klinik für Neurochirurgie und die Klinik für Augenheilkunde des Uniklinikums bereits vor zehn Jahren damit begonnen, in einer Langzeitstudie die Möglichkeit einer alternativen Bestimmung des Gehirndrucks zu untersuchen. Hintergrund ist ein vermuteter Zusammenhang zwischen dem Venendruck am Sehnerv im Augenhintergrund und dem Gehirndruck. Prof. Wolfgang Behrens-Baumann, Chef der Klinik für Augenheilkunde, erklärt: "Dass es dort einen Zusammenhang zu geben scheint, meinen Augenärzte schon seit vielen Jahren zu wissen. Aber niemand hat diesen Zusammenhang bislang wissenschaftlich bestätigt und genau untersucht."

Dazu notwendig sind allerdings auch Geräte, die den Druck an der Zentralvene am Auge bestimmen. Nicht jede Klinik hat eine solche Ausstattung. Diese dort erfassten Werte wurden innerhalb der Studie mit den Werten, die in der Neuro-chirurgie direkt über eine Sonde im Kopf gemessen wurden, verglichen. Um diese Daten statistisch verwertbar verwenden zu können, bedurfte es über 100 Patienten, die sich für diesen wissenschaftlichen Vergleich auch eigneten. Erst nach zehn Jahren konnten die beiden Kliniken nun diese Forschungsarbeit abschließen.

Ergebnis: "Der Hirndruck lässt sich mit sehr hoher Genauigkeit über diese Augenhintergrund-Untersuchung bestimmen", so Prof. Firsching. Und der Kollege Behrens-Baumann ergänzt: "Es ist jetzt möglich, in einer Tabelle die vom Augenarzt gemessenen Werte so aufzulisten, dass der Neurochirurg eindeutige Rückschlüsse auf den Hirndruck ziehen kann." Vorausgesetzt, dem Augenarzt stehen die dafür notwendigen technischen Möglichkeiten zur Verfügung. Beide Ärzte sind sich sicher, dass ihre Forschungsarbeit die Behandlung von Wasserkopf-Patienten vereinfachen wird. Die Ärzte glauben, dass in Zukunft längst nicht mehr bei jedem Patienten operativ eine Sonde für die Hirndruckmessung eingesetzt werden muss.

Und mit dieser Fachmeinung stehen sie offenbar nicht allein da. Die Arbeit aus Magdeburg wird in diesen Tagen im "Journal of Neurosurgery" in den USA veröffentlicht. Diese Zeitschrift gilt als weltweit führende Publikation für neurochirurgische Fachthemen. Mit einem Schmunzeln bemerken die beiden Ärzte vor dem Hintergrund der Guttenberg-Diskussion, dass die von der Zeitschrift in die Wege geleitete fachliche Überprüfung der Forschungsarbeit insgesamt ein Jahr in Anspruch genommen hat.

Prof. Firsching sieht dieses jüngste Forschungsprojekt in einer Reihe von Bemühungen der Magdeburger Universitätskliniken um Verbesserung von Behandlungsmöglichkeiten. So hat sich die Klinik für Neurochirurgie 2004 mit ersten klinischen Tests von Bandscheibenprothesen der Halswirbelsäule in Deutschland und 2008 mit der ersten klinischen Entwicklung eines Impfstoffes gegen bösartige Hirntumore einen Namen gemacht.

 

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