Magdeburg/Halle. "Menschen mit einer Schwerbehinderung haben es nicht leicht auf dem Arbeitsmarkt", weiß Beraterin Claudia Ducho vom enterability-Projekt des sachsen-anhaltischen Sozialministeriums. Das Projekt ist im Januar angelaufen und soll Menschen mit Schwerbehinderung in die berufliche Selbständigkeit führen. "Viele Leute gehen davon aus, ein Mensch mit Schwerbehinderung ist blind, taub, sitzt im Rollstuhl und ist nicht mehr leistungsfähig. Dabei kann der Grad für eine Schwerbehinderung auch nach einer Krebserkrankung oder mit Diabetes erreicht sein", erklärt die Beraterin weiter.

Kevin und Ina Brentrop aus Wolmirstedt ist der Schritt in die Selbständigkeit gelungen. Im Juli feiern sie das fünfjährige Bestehen ihrer Massagepraxis, die sie erfolgreich führen, obwohl der 25-jährige Inhaber nur noch 20 und seine 24-jährige Frau nur 5 Prozent Sehstärke besitzen. Der Weg zum eigenen Unternehmen sei nicht einfach gewesen. "Es hat sehr lange gedauert, bis wir endlich wussten, an welches Amt wir uns mit unserer Idee wenden müssen und welche Fördermöglichkeiten es gibt", sagt Brentrop, der sich zurzeit vom Masseur zum Physiotherapeuten weiterbildet. Da Kevin Brentrop selbst erlebt hat, wie schwierig der Weg in die Selbständigkeit sein kann, ist er ein großer Befürworter des enterability-Projektes. Seine Frau stimmt ihm zu: "Es ist wichtig, dass es eine Beratungsstelle zu diesem Thema speziell für Menschen mit schwerer Behinderung gibt."

Das Wort enterability meint in etwa neue Möglichkeiten bieten. Ziel ist es, Menschen mit Schwerbehinderung, die arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht sind, in eine berufliche Selbständigkeit zu führen. Als Projektträger wurde die auf diesem Gebiet erfahrene Beratungsgesellschaft iq consult GmbH gewonnen, die nach Angaben der Gesellschaft in Berlin seit 2004 etwa 180 Menschen mit Schwerbehinderung in eine unternehmerische Selbständigkeit geführt hat.

Laut aktueller Arbeitsmarktstatistik waren im Februar in Sachsen-Anhalt etwa 5300 Menschen mit einer Schwerbehinderung erwerbslos. Nach Angaben des statistischen Landesamtes leben etwa 171000 Menschen mit Behinderung im Land, davon sind gut 76800 Menschen 15 bis 65 Jahre alt. Deshalb liegt es Claudia Ducho besonders am Herzen, dass mehr betroffene Menschen das kostenfreie Beratungsangebot wahrnehmen. Bisher hätten sich zu wenige getraut oder seien zu wenige darauf aufmerksam geworden.

"Der besondere Vorteil bei der Selbständigkeit ist, dass der Unternehmer sich seinen Arbeitsplatz individuell gestalten kann", sagt die 30-jährige Magdeburgerin. Beispielsweise leide einer ihrer Klienten an der Schlafkrankheit. Der Mann sei hochintelligent und ein sehr guter Programmierer. Nur brauche er eben seinen eigenen Arbeitsrhythmus, damit er in den Wachphasen arbeiten kann.

Enterability ist ein beratendes und unterstützendes Angebot. Aus Erfahrung weiß Claudia Ducho, dass eine Beratungsphase in der Regel etwa ein halbes Jahr dauert. In dieser Zeit werden ein Business- und ein Finanzplan erstellt. "Es kann auch vorkommen, dass wir daraufhin von der Idee abraten, aber diese Ehrlichkeit macht eben eine gute Beratung aus." Um das Angebot wahrnehmen zu können, muss bei den Betreffenden der Grad der Behinderung 50 betragen oder 30, sofern eine Gleichstellung vom Arbeitsamt vorliegt.

Die Beratungsstelle von Claudia Ducho in Magdeburg kann barrierefrei erreicht werden, ebenso die in Halle. Wer nicht mobil ist, könne zur Not auch zu Hause von den beiden Beratern aufgesucht werden oder über das Internet Kontakt halten, so Claudia Ducho. Innerhalb des enterability-Projekts werden in Kürze auch kostenfreie Seminare zu Themen wie Marketing und Buchhaltung angeboten.

Weitere Informationen gibt es in Magdeburg bei Claudia Ducho in der Klausener Straße 12, Telefon (0391) 50549970 oder in Halle bei Marcus Bittner, Schleiermacherstraße 39, Telefon (0345) 21389950.

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