Photovoltaikanlagen sind für Hausbesitzer eine attraktive Möglichkeit, günstig an Strom zu kommen. Für Feuerwehren jedoch stellen sie eine Herausforderung dar, da die Module im Ernstfall nicht einfach abzuschalten sind. In einem extra entwickelten Seminar versucht die Brandschutz- und Katastrophenschutzschule in Heyrothsberge (BKS Heyrothsberge), die Gefahren und die Lösungswege aufzuzeigen.

Heyrothsberge/Halberstadt. Es war Pfingstmontag im vergangenen Jahr. Da schlug in ein Mehrfamilienhaus in Halberstadt-Langenstein der Blitz ein. Für die Feuerwehr der Stadt sah der Einsatz zunächst nach Routine aus. Die Löschfahrzeuge wurden platziert, der Strom im Keller abgeschaltet.

Doch dann die Überraschung: Auf der der Straße zugewandten Seite war auf dem Dach eine Photovoltaikanlage (PV-Anlage) installiert. "Von der Seite kamen wir nicht an den Brandherd im Dachstuhl heran", erklärt Einsatzleiter Ingo Wetzel ein Jahr später auf einem Seminar der BKS Heyrothsberge. Der Plan, die Dachziegel abzunehmen, um in den Dachstuhl hinein löschen zu können, ging nicht auf. Die Halberstädter Wehr musste umständlich durch enge Zufahrten auf die Hofseite fahren und eine gute Stunde auf einen Elektriker warten, der die Anlage stromfrei schalten sollte. "Das hat wertvolle Zeit und Nerven gekostet", erinnert sich Wetzel.

PV-Anlagen haben ein großes Manko für Feuerwehren: Sie sind aktiv und stehen unter Strom, solange Licht auf die Module einfällt. Da die Solarzellen Gleichstrom produzieren, können die Feuerwehrleute nicht einfach ein Kabel durchschneiden – es entstünde ein gefährlicher Lichtbogen. Die Wechselrichter, die den Strom wandeln, befinden sich oftmals im Keller. Bis dorthin liegen die Anlage und ihre Leitungen immer am Strom an. Ein Anfassen ist damit unmöglich.

"Wir müssen beim Löschen Sicherheitsabstände von mindestens einem Meter zu Stromquellen einhalten", erklärt Brandrat Frank Mehr, der gemeinsam mit Brandoberinspektorin Anja Bräuer an der BKS Heyrothsberge ein Seminar entwickelt hat, in dem der Umgang mit PV-Anlagen im Brandfall thematisiert wird.

"Es gibt eine große Verunsicherung bei den Kameraden. Das erste Seminar, das kürzlich stattfand, war innerhalb von drei Tagen ausgebucht", sagt Mehr. 200 Feuerwehrleute aus Sachsen-Anhalt ließen sich schulen. Neben Ingo Wetzel, der von seinem Einsatz in Halberstadt berichtete, traten auch Vertreter des Solarzellenherstellers Q-Cells auf, die von der technischen Seite der Anlagen berichteten. Ein weiteres Seminar im September ist ebenfalls bereits ausgebucht, weshalb die Brandexperten in Heyrothsberge ein drittes im November eingeplant haben. "Wir haben auch Anfragen aus anderen Bundesländern", so Mehr.

In Sachsen-Anhalt gibt es zwar eine Einsatzstatistik der Feuerwehren. Darin wird aber nicht erfasst, ob bei einem Brand eine PV-Anlage im Spiel war, heißt es auf Anfrage aus dem Innenministerium.

Technisch wäre es möglich, PV-Anlagen direkt am Modul abzuschalten. "Doch wie die Hersteller sagen, kostet das die Käufer mehr und macht die entsprechend ausgerüstete Anlage im Vergleich zu anderen Anbietern teurer", sagt Mehr. Vom Gesetzgeber gibt es dazu keine Vorschrift.

Um kein Licht auf die Anlagen fallen zu lassen, haben Feuerwehren versucht, die Module mit Schaum oder Gel abzudecken. "Doch das haftet nicht, wenn das Dach schräg ist", so Anja Bräuer, die sich in der Vorbereitung der Seminare mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Und auch das Abdichten mit Lichtschutzfolie ist keine Alternative, da die Anlagen unter Strom stehen und der Sicherheitsabstand beachtet werden muss.

Im speziellen Fall des Brandes in Halberstadt nahm die Feuerwehr schließlich die Ziegel auf der Seite des Daches ab, auf dem keine Module waren. "Bis zuletzt konnten wir nicht sicher sein, dass die Anlage stromfrei war", erklärte Wetzel. Denn auch ein herbeigerufener Elektriker konnte dies nicht zweifelsfrei bestätigen. Insgesamt hatte sich der Einsatz laut Wetzel um gut eineinhalb Stunden verlängert. Zeit, in der das Feuer im Dachstuhl nicht gelöscht werden konnte und einen großen Schaden anrichtete.

Q-Cells beteiligte sich an der Entwicklung einer Broschüre und Lernkarten für Feuerwehren in ganz Deutschland. Eine entsprechende Arbeitsgruppe wurde vom Bundesverband Solarwirtschaft, in dem 800 Unternehmen der Branche organisiert sind, initiiert. Sven Winterling arbeitet für Q-Cells in der Sicherheitsabteilung und ist selbst seit 18 Jahren in der Feuerwehr aktiv. "Bei den Wehren herrscht Verunsicherung, wie die Anlagen funktionieren und welche Gefahren tatsächlich davon ausgehen", so Winterling.

In seinem Vortrag in der Brandschutzschule berichtet er auch von Fällen, in denen die Feuerwehr Wohnhäuser hat kontrolliert abbrennen lassen, weil nach deren Meinung von der Photovoltaik-Anlage zu viel Gefahr ausging. "Häuser müssen nicht abbrennen. Wir wollen Gerüchte aus dem Weg räumen", so der Vertreter des Solarzellen-Herstellers aus Thalheim.

Doch was kann ein Hausbesitzer tun, um der Feuerwehr die Arbeit zu erleichtern? "Wenn wir gleich sehen, dass es eine solche Anlage auf dem Dach gibt, könnte man den Einsatz von vornherein entsprechend koordinieren", so Wetzel. Der erste Schritt bei der Brandbekämpfung ist es, das Haus stromfrei zu schalten. Die Elektrokästen sind oft im Keller. "Wenn dort ein Hinweisschild angebracht wäre, würde uns das helfen." Ein solches Schild gibt es – es kann beim Bundesverband Solarwirtschaft kostenfrei heruntergeladen oder als Aufkleber für 1,50 Euro bestellt werden. Das Anbringen ist allerdings gesetzlich nicht vorgeschrieben.

Der Gesetzgeber hat 2006 einen sogenannten DC-Schalter zur Pflicht gemacht. Der DC-Freischalter soll die Module und den Wechselrichter, der den Gleich- in Wechselstrom wandelt, trennen und so die Bildung eines Lichtbogens verhindern. Meist ist der Schalter ebenfalls im Keller angebracht. Besser wäre es aus Sicht der Feuerwehren, den Schalter in Modulnähe oder außerhalb des Hauses anzubringen.

Die Leitungen können feuerfest und sicher verlegt werden. "Möglich ist das außen am Haus, im Haus unter Putz oder zum Beispiel in bestehenden oder neuen feuersicheren Schächten zu führen", sagt David Wedepohl, Pressesprecher des Bundesverbandes Solarwirtschaft. Diese Maßnahmen ermöglichten es den Einsatzkräften, im Gebäude gefahrlos zu löschen. Der Verband hat neben der Unterstützung von Feuerwehren auch die Information von Planern und Installateuren im Blick.

Es gibt auch die Möglichkeit, an den Modulen einen sicheren Kurzschluss zu erzeugen, damit keine Spannung erzeugt wird. Eine Nachrüstung ist möglich. Eine Anfrage der Volksstimme bei einem Hersteller ergab, dass eine Box, mit der fünf Module kurzgeschlossen werden könnten, etwa 30 Euro kostet. "Die Feuerwehren sehen das Geld gut angelegt, da sich die Eingriffszeit für uns erheblich verkürzt und der Brandschaden geringer ausfallen kann", erklärt Frank Mehr von der BKS Heyrothsberge. Außerdem sollte ein Plan verdeutlichen, wie die Anlage aufgebaut und verlegt ist.

Versichert sind die Anlagen nicht grundsätzlich über die Gebäudeversicherung. "Nur wenn die Anlage Teil des Dachses ist, gilt sie als Gebäudebestandteil. Wurde sie nur aufgesetzt, muss sie extra gegen Elementarschäden versichert werden", erklärt Wolfgang Kirkamm, Sprecher der ÖSA-Versicherung. Der öffentliche Versicherer in Sachsen-Anhalt lobt die Schulung der Feuerwehren, würden so doch vermeidbare Schäden umgangen. Kirkamm weist außerdem darauf hin, dass ältere Anlagen meist nicht über einen DC-Schalter verfügen. "Der macht im Brandfall aber Sinn, auch wenn er für uns als Versicherer nicht verpflichtend ist."

Grundsätzlich ist eine PV-Anlage eine Werterhöhung des Gebäudes, erklärt Christian Lübke vom Gesamtverband deutscher Versicherer und gilt nicht als Sicherheitsrisiko. Die Installation sollte dem Gebäudeversicherer angezeigt werden. "Zusätzlich empfiehlt es sich, eine Betreiberhaftpflicht und eine Ertragsausfallversicherung abzuschließen", so Lübke. "In 26 Prozent aller Fälle, in denen PV-Anlagen zum Versicherungsfall werden, spielt Feuer eine Rolle. Allerdings führen mangelnde Installationskenntnisse zu viel mehr Schäden", mahnt der Sprecher des Gesamtverbandes.

   

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