Von Doreen Fiedler

Magdeburg (dpa). Die "Annabell" schaukelt gewaltig, reißt an ihren Tauen. Wellen werfen große Eisschollen gegen das Frachtschiff mit 2382 Tonnen Weizen an Bord – doch Besitzer Peter Rohling strahlt. Denn wenn der Eisbrecher "Fürstenberg" das Wasser um die "Annabell" aufwühlt, bedeutet das die Rettung. Seit zwei Wochen sitzt Rohlings Schiff schon auf dem Mittellandkanal fest, an einem kleinen Anleger bei Vahldorf irgendwo in Sachsen-Anhalt. Sogar Weihnachten habe er hier verbracht, sagt er, und zeigt auf die beiden Christbäume: ein kitschig beleuchteter Kunstbaum auf der Kommandobrücke und ein richtiger Tannenbaum im Rumpf, unter den seine Familie die Geschenke gelegt hat.

Jeder Tag ohne Fahrt bringt 1700 Euro Verlust

Hektik kommt auf an Deck, als es endlich losgeht. Das Getreide soll möglichst schnell nach Brüssel. "Jeder Tag hier bedeutet einen Verlust von 1700 Euro", sagt Rohling und springt auf sein Frachtschiff. Langsam und vorsichtig folgt er der viel kleineren "Fürstenberg", die mühelos durch die bis zu 25 Zentimeter dicken Eislagen fährt und den Weg freiräumt. Schneepflug auf dem Wasser.

Etwa 30 Binnenschiffe hingen seit dem 24. Dezember auf dem Mittellandkanal fest, nun werden sie eines nach dem anderen befreit. Ab Freitag sollte die Wasserstraße zunächst einspurig freigegeben werden, hieß es beim Wasser- und Schifffahrtsamt in Magdeburg. Nur in der freigebrochenen Rinne der Eisbrecher können sie sich dann bewegen. Erst wenn längere Zeit über Null Grad herrscht, können die Schiffe das Wasserstraßenkreuz, die Elbe, den Mittellandkanal und die Verbindungskanäle wieder ohne Hilfe benutzen.

"Wir machen jetzt die großen Eisplatten klein, dann tauen die schneller – wie Crushed-Eis, das verschwindet auch schneller im Cocktailglas als die großen Eiswürfel", erklärt Schiffsführer Werner Ortel im Führerhäuschen der "Fürstenberg". Der 59-Jährige sieht mit seinem Silberohrring und der XXL-Fleecejacke allerdings nicht aus wie ein Cocktailtrinker, sondern eher wie ein Koch, der mit all den Hebeln und Knöpfen vor seinem Bauch eine Großküche steuert. Ortel lacht: "Ich kann kochen, was ich will. Bei mir wird alles Gulasch."

Mit drei km/h durch 50-Zentimeter-Eis

Der Geruch von Würstchen zieht herauf. Vier Männer leben und arbeiten auf der "Fürstenberg", darunter auch Maschinist Pascal Parey, der heute für das Mittagessen zuständig ist. Kurz hebt er den Deckel, kontrolliert den Fertigeintopf, dann verschwindet er schnell wieder nach draußen und fegt den Boden entlang der Reling frei von Schnee. "Drinnen kann ich nicht aufrecht stehen", meint Parey, bevor er schon wieder weg muss in den Maschinenraum, den Ölstand kontrollieren.

Seit 5.30 Uhr arbeiten die Männer, erst um 18.15 Uhr ist Schluss. "Wenn irgendwo Schwierigkeiten auftreten oder Schiffe in akuter Not sind, dann fahren wir natürlich auch zu späteren Zeiten noch raus", sagt Schiffsführer Ortel. An diesem Donnerstagmorgen läuft alles rund, das 900 PS starke Schiff kämpft sich mit drei bis fünf Stundenkilometern durch das Eis. "Wir schaffen Eisstärken von 50 Zentimetern – und sicher noch mehr."

Winterlandschaft zieht vor den Fenstern der Kabinen vorbei, überall tropft es von den Hausdächern, kleine Bäche laufen über die Straßen. Dieses Tauwetter gab das Startzeichen, die Schiffe mit den schwächeren Bugs herauszuholen. "Wenn es kalt ist, hat es keinen Sinn, das Eis aufzubrechen, weil alles gleich wieder zufriert", erklärt Ortel. Die Schiffe wären zwischen den Eisschollen hilflos und würden überall im Weg stehen, wenn sie wieder einfrieren. "Wenn Binnenschiffe dann losfahren, ist es, wie wenn man im Winter ein Auto mit Sommerreifen fährt."