Der Traum vom "Las Vegas des Ostens" in Vockerode ist vorerst geplatzt: Der Investor, die israelische Sibyl-Group mit Sitz in Zypern, hat seine Deutschland-Tochter zum Jahresende aufgelöst. Sybil-Deutschland wollte auf dem ehemaligen Kraftwerksgelände für rund 300 Millionen Euro einen Vergnügungspark errichten. Das Projekt scheitert offensichtlich an mangelndem Kapital.

Wittenberg/Magdeburg. Walter Brukschen, Sybil-Sprecher, versuchte gestern zu beschwichtigen: "Das Projekt Vockerode ist lediglich zurückgestellt, weil sich der Investor zurückgezogen hat. Wir sind aber mit weiteren Investoren im Gespräch", erklärte er auf Volksstimme-Anfrage.

Die Sybil-Group wollte nach eigenen Angaben auf dem ehemaligen Kraftwerksgelände in Vockerode (Landkreis Wittenberg) für rund 300 Millionen Euro einen Vergnügungspark, unter anderem mit 4- und 5-Sterne-Hotels und insgesamt 1500 Betten, Kongress-Center, Wellness-Center, einem Einkaufscenter und Casino errichten. In der von Arbeitslosigkeit stark gebeutelten Region war diese Ankündigung Anfang 2010 mit viel Hoffnung aufgenommen worden. Von rund 1000 neuen Arbeitsplätzen im direkt an der Autobahn gelegenen Vockerode, das zum "Las Vegas des Ostens" werden sollte, war die Rede.

Dafür hatte die Sybil-Group vom Landkreis Wittenberg Flächen auf dem direkt an der A 9 gelegenen, ehemaligen Kraftwerks- und Gewächshausgelände für insgesamt 100 000 Euro gepachtet - mit anschließender Kaufoption.

Probleme bei Zahlungsverpflichtung

Die Finanzierung des Mega-Projektes war allerdings von Anfang an nebulös. Im Juni 2010 hatte Sybil erklärt, ein nicht näher genannter Investor habe eine Absichtserklärung zur gemeinsamen Entwicklung des Projektes abgegeben und wolle mit einer Kreditlinie von 300 Millionen Euro einsteigen. Der angekündigte Vertrag ist mit der gestern bekannt gewordenen Auflösung von Sybil Deutschland nicht zustande gekommen.

Stattdessen hat Sybil offenbar immer Probleme, wenn es um Zahlungsverpflichtungen geht. Die vereinbarten Raten für die gepachteten Flächen in Vockerode – zweimal 50 000 Euro für 2010 – hat das Unternehmen an den Landkreis bisher nicht gezahlt. Gestern wurde bekannt, dass das bereits im Oktober eingeleitete Vollstreckungsverfahren erfolglos geblieben war. Die Behördenmitarbeiter hätten ergebnislos versucht, eine Nachfolgeanschrift herauszufinden.

Auch der Verkauf der landeseigenen Spielbanken Magdeburg, Halle und Wernigerode Ende 2009 für eine Million Euro an die Unternehmensgruppe war nicht reibungslos verlaufen. Nachdem die Sybil-Group den Zahlungstermin im Januar 2010 verstreichen ließ, waren ernste Zweifel an der Bonität der israelisch-zypriotischen Unternehmensgruppe, die vor allem in Osteuropa Handelsplätze errichtet hat, aufgekommen. Erst kurz vor Ablauf der letzten Frist im März 2010 ging ein Scheck im Finanzministerium ein. Fast wäre damit der Verkauf der landeseigenen Spielbanken geplatzt. Für Sybil war daran vor allem die Spielbank-Lizenz attraktiv, mit der sie im Land weitere Spielbanken eröffnen kann.

Die Bonität der Sybil-Group wird seit längerem kritisch beurteilt. Hotel- und Handelsexperten bezweifeln mit Blick auf die geringe Hotelauslastung und niedrigen Zimmerpreise in der Region, ob sich 300 Millionen Euro wirtschaftlich finanzieren lassen. Im Umfeld einer Autostunde von Vockerode gebe es weder viele Menschen noch viele Reiche. Anfang März 2010 hatte die israelische Tageszeitung "Haaretz" berichtet, dass das Unternehmen 2009 Schulden von insgesamt 156 Millionen Euro angehäuft habe. Im vergangenen Jahr waren Anleihen von Sybil Deutschland und Sybil Europa an der Börse in Tel Aviv vom Handel ausgesetzt worden.

Noch im vergangenen Jahr hatte sich Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) überzeugt von der Potenz des Investors gezeigt: "Sie können sich darauf verlassen: Wir haben vieles recherchiert und geprüft", erklärte er laut mdr.

Gestern erklärte das Finanzministerium lapidar, der Stopp des Investitionsvorhabens durch die Sybil-Group in Vockerode sei für die strukturelle Entwicklung der Region bedauerlich, aber eine vom Land zu respektierende Entscheidung des Investors.

Wie es mit den Spielbanken weitergeht, dazu gab es gestern keine konkreten Aussagen. Sprecher Walter Brukschen kündigte für die nächsten Tage Details zur Entwicklung der Spielbanken an. Das Geschäft habe sich erfreulich entwickelt. Im Oktober hatte Brukschen vermeldet, dass die Umsätze um 30 Prozent, die Besucherzahlen um 25 Prozent gestiegen seien. Das Land hatte mit den Spielbanken seit Jahren Verluste eingefahren und sich deshalb zum Verkauf entschlossen.