Mehr als 20 Jahre nach dem Ende der DDR leiden noch immer viele Menschen unter den Auswirkungen von politischem Unrecht und schweren Menschenrechtsverletzungen, die sie bis 1989 zu spüren bekommen haben. Hilfe verspricht das Projekt "Psychosoziale Beratung für SED-Verfolgte" beim Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen.

Magdeburg. Rund 180000 Menschen waren während der 40 Jahre des Bestehens der DDR aus politischen Gründen inhaftiert. Dazu kommen Hunderttausende, die vom Staatssicherheitsdienst verfolgt, drangsaliert, inhaftiert, verhört und gefoltert wurden. Viele von ihnen haben dieses Martyrium bis heute nicht bewältigt, fühlen sich schwer belastet, sind traumatisiert und brauchen Hilfe. "Mindestens 300000 SED-Opfer haben einen Beratungsbedarf", schätzt Freihart Regner ein und beruft sich auf die Konferenz der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. In dieser Zahl sei der Beratungsbedarf für die Opfer in der zweiten Generation noch gar nicht berücksichtigt, sagt er weiter und macht damit deutlich, wie wichtig das im vergangenen Jahr begonnene Kooperationsprojekt "Psychosoziale Beratung für SED-Verfolgte" ist.

Das Projekt wurde zwischen dem Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Sachsen-Anhalt und der Universität Magdeburg, Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, vereinbart und läuft vorerst noch bis zum Jahresende. "Bis jetzt werden 25 SED-Verfolgte beraten, teils einmalig, teils regelmäßig wöchentlich in Einzel- oder Gruppengesprächen", so Regner, der jedoch mit einem starken Zuwachs an Betroffenen in diesem Jahr rechnet.

"Die psychosozialen Gespräche können entlastend und bis zu einem gewissen Grad heilend wirken", sagt der promovierte Diplompsychologe. Die Grundhaltung der Beratung sei "menschenrechtlich" ausgerichtet, d. h. sie nimmt die betroffenen Menschen in erster Linie als politisch Verfolgte ernst. "Das ist sehr, sehr wichtig", weiß Regner. Das erlittene Unrecht müsse anerkannt werden, die Leute müssten sich verstanden fühlen.

Viele SED-Opfer leiden an Schlafstörungen, Albträumen, Ängsten, Depressionen und allgemeinem Misstrauen. "Durch gewisse gesellschaftspolitische Entwicklungen, welche die repressive DDR-Vergangenheit verleugnen, verharmlosen oder gar verklären wollen, werden ihre Leiden verschlimmert", hat Regner festgestellt. Der Bedarf an psychosozialer Beratung nehme daher ständig zu.

Wissenschaftlich unterstützt wird Regner in dieser Erkenntnis durch Studien, die 1995 und 2008 in Dresden durchgeführt wurden. Vor gut 15 Jahren waren 146 Personen befragt worden, die mindestens einen Monat in der DDR in politischer Haft gewesen waren. Ein großer Teil der Studienteilnehmer litt 1995 noch an den Folgen der Haft, obwohl dieses traumatische Ereignis durchschnittlich bereits 24 Jahre zurücklag (6 bis 42 Jahre).

Im Jahre 2008 wurden 93 Personen der ersten Studie erneut befragt. Auch zu diesem Zeitpunkt, durchschnittlich 37 Jahre nach der Entlassung aus der politischen Haft, erfüllte etwa ein Drittel der Studienteilnehmer die Kriterien für eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Die PTBS ist neben depressiven Störungen und unterschiedlichsten Angstreaktionen eine häufige Folge von Traumatisierungen, die wiederum durch die politische Haft verursacht wurden. Insgesamt erfüllten mehr als zwei Drittel der Teilnehmer zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens die Kriterien für eine PTBS. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung erkranken etwa 3,2 Prozent im Laufe ihres Lebens an PTBS.

"Bei den meisten Personen treten psychische Probleme kurz nach dem traumatischen Erlebnis auf", stellten die Wissenschaftler in Dresden fest, "jedoch können die Symptome unter Umständen auch erst Jahre oder Jahrzehnte nach dem Trauma erscheinen." Die Studien machten deutlich, dass die politische Haft in der DDR auch Jahrzehnte nach der Haftentlassung noch immer einen Einfluss auf die psychische Gesundheit der Betroffenen haben und sogar zu neu auftretenden psychischen Erkrankungen führen kann.

Wissenschaftler der Universität Zürich, die die Folgestudie 2008 gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Dresden durchgeführt haben, kommen zu dem Schluss, dass die meisten ehemaligen politisch Inhaftierten der DDR bis heute trotz bestehender psychischer Haftfolgeschäden und einem zum Teil enormen Leidensdruck keine psychotherapeutische Hilfe in Anspruch genommen haben. "Gründe dafür können Scham und Angst vor Konfrontation mit den traumatischen Erlebnissen, aber auch ein Mangel an Wissen um entsprechende therapeutische Angebote sein", heißt es in den Schlussfolgerungen. In der DDR sei es entlassenen Häftlingen generell streng verboten gewesen, über ihre Erlebnisse während der Haft zu sprechen.

"Wenn man davon ausgeht", so die Wissenschaftler weiter, "dass zu den Personen, die noch kontinuierlich unter den Folgen der politischen Haft leiden, zusätzlich diejenigen kommen, bei denen sich Trauma-Symptome erst nach Jahrzehnten neu zeigen, kann davon ausgegangen werden, dass die Thematik des Therapiebedarfs traumatisierter Stasi-Inhaftierter auch in Zukunft relevant bleibt."

Hier setzt das Kooperationsprojekt "Psychosoziale Beratung für SED-Verfolgte" ein. Jeden Dienstag von 13.30 bis 16.30 Uhr ist Freihart Regner im Haus des Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in der Magdeburger Klewitzstraße 4 gesprächsbereit für SED-Verfolgte. An jedem letzten Donnerstag im Monat hält er diese Sprechstunden in Halle ab. "Dabei wird nicht nur auf die Beschwerden und Probleme, sondern vor allem auch auf die Stärken, Chancen und Potenziale des Gesprächspartners eingegangen", sagt Regner. Hauptangebot sei das beraterische Gespräch als "Brückenfunktion" für eine Behandlung bei einem Psychotherapeuten.