Wie konnte es zu dem schweren Zugunglück bei Hordorf kommen? Diese Frage bewegt seit dem Wochenende ganz Deutschland. Beim Zusammenstoß zwischen einem Personenzug und einem Güterzug waren nahe der Ortschaft im Bördekreis zehn Menschen ums Leben gekommen und 23 zum Teil schwer verletzt worden. Tatsache ist: Die Sicherungstechnik auf der Strecke gilt als veraltet.

Magdeburg. Am Sonnabend um 22.24 Uhr waren aus ungeklärter Ursache bei Hordorf ein aus dem Harz kommender Güterzug und ein in der Gegenrichtung fahrender Harz-Elbe-Express (HEX) frontal zusammengestoßen. Durch den Aufprall, der noch im sieben Kilometer entfernten Oschersleben zu hören war, starben der Triebfahrzeugführer und die Zugbegleiterin des HEX sowie acht der etwa 50 Reisenden. 23 weitere wurden zum Teil lebensbedrohlich verletzt. Sie werden in den Kliniken Oschersleben und Halberstadt behandelt. Der Güterzug-Lokführer wurde leicht verletzt.

Den Anwohnern aus Hordorf, die kurz nach der Katastrophe zur Unglücksstelle geeilt waren, um Hilfe zu leisten, bot sich ein Bild der Verwüstung. Der zweigliedrige HEX-Triebwagen war durch den Zusammenprall mit den zwei Güterzug-Lokomotiven völlig zerstört und von den Schienen geworfen worden. Schwer beschädigt war auch die vordere Lok des Güterzuges der Firma VPS (Verkehrsbetriebe Peine-Salzgitter). Dieser sollte rund 1400 Tonnen Kalk aus Rübeland ins Stahlwerk Salzgitter bringen.

Bereits kurze Zeit nach dem Unglück begannen Rettungskräfte, Feuerwehren und Technisches Hilfswerk bei eisiger Kälte und dichtem Nebel mit der Bergung der Verletzten und Toten, von denen zunächst zwei identifiziert werden konnten.

Kriminalpolizei und Fachleute des Eisenbahnbundesamtes begannen mit der Untersuchung.

Der Zusammenstoß ereignete sich an einer sogenannten Überleitstelle. Dort verengt sich die zweigleisige Strecke auf ein Gleis. Ein erfahrener Eisenbahner, der die Strecke gut kennt, sagte der Volksstimme: "In der Regel hat ein Zug, der in den eingleisigen Bereich einfährt, zu warten, bis die Strecke frei ist. Dafür gibt es in Hordorf ein Vorsignal und kurz vor der Weiche ein Hauptsignal." Der Unglücksabschnitt sei "normalerweise übersichtlich und fahrtechnisch anspruchslos", sagte der Lokführer. Allerdings herrschte zum Unglückszeitpunkt sehr starker Nebel. Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) vermutete vor Ort, einer der Zugführer könnte ein Halt-Signal übersehen haben.

Die Signal- und Sicherungstechnik auf der Strecke entspricht längst nicht aktuellen Standards. Bahnsprecherin Aenne Kliem sagte dem Radiosender "MDR info", die Hälfte der Strecke sei bisher mit einer Punktuellen Zugbeeinflussung ausgerüstet Diese kann einen Zug mit elektromagnetischen Impulsen stoppen, sobald dieser ein Halt-Signal überfährt oder ein Vorsignal zu schnell passiert. Laut Kliem gibt es dies in Hordorf noch nicht, es sei aber für dieses Jahr geplant.

Hordorf ist auch noch nicht an das elektronische Stellwerk Leipzig angeschlossen. Signale und Weichen werden wie zu Vorkriegszeiten per Hand mit großen Hebeln und Stahlseilen gestellt.

Bereits am 6. November 2006 war es auf der Strecke, bei Blumenberg, zum Beinahe-Zusammenstoß zweier Personenzüge gekommen. Ein Fahrzeugführer, der ein Vorsignal ignoriert hatte, konnte seinen Zug erst kurz vor einem Zusammenprall per Notbremsung zum Stehen bringen.

Sachsen-Anhalts Verkehrsminister Karl-Heinz Daehre (CDU) sagte gestern, das Land habe seither gegenüber der Deutschen Bahn auf neue Sicherungstechnik gedrungen und trage sogar Planungskosten für die Streckensanierung, "obwohl wir das nicht müssten". Dennoch ließ sich die Bahn vier Jahre Zeit. Daehre: "Im Vordergrund stehen aber jetzt das Mitgefühl mit den Angehörigen der Toten und die Genesungswünsche für die Verletzten."

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) sagte in Hordorf, es sei noch nicht geklärt, ob das Fehlen der Sicherungstechnik ursächlich für das Unglück gewesen ist.

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