Immer mehr und keineswegs nur ältere Menschen fangen an, die DDR zu verteidigen, wenn schlecht über sie geredet wird. Warum eigentlich ?

Ich bin erinnert an die Geschichte eines jungen Mädchens, das in einer kleinen Provinzstadt aufwuchs. Ihr sehnlichster Wunsch war, aus dieser miefigen, sie einengenden Stadt herauszukommen. Schließlich war es so weit. Sie kam zum Studium in die Großstadt mit ihrem prallen und aufregenden Leben. Wenn sie ihren Kommilitonen erzählte, woher sie kam, konnte sie sich ihres Mitleids sicher sein. Alle zogen her über dieses spießige Provinzstädtchen. Zunächst tat ihr das gut. Aber je öfter sie das erlebte, desto ärgerlicher wurde sie. Schließlich fing sie an, ihre Heimatstadt zu verteidigen und ihre Vorteile zu loben. Gewiss, sie wollte nicht wieder zurück. Aber so ließ sie niemanden über die Stadt reden, in der sie aufgewachsen war, an die sie auch viele schöne Erinnerungen knüpfte. Das ist nicht nur verständlich, das ist sogar liebenswert.

Mir macht es deutlich, dass die Einheit nur gelingen kann, wenn wir die Geschichte und die Biographien der Ostdeutschen nicht herabwürdigen, sondern begreifen als ein Teil unserer gemeinsamen deutschen Geschichte.

Natürlich macht sich daneben auch echte Nostalgie breit. Das ist eine uralte Erfahrung. Nachdem das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit wurde, begannen erst einmal schwierige Zeiten, 40 Jahre Wüstenwanderung mit vielen Entbehrungen. Da sehnten sich die Israeliten auch zurück nach den " Fleischtöpfen Ägyptens ". Die Qualen der Sklaverei hatten sie vergessen. In einer immer komplizierter werdenden Welt sehnten sich manche Ostdeutsche zurück zu den einfachen und überschaubaren Verhältnissen von damals. Mangelwirtschaft und Bevormundung haben sie vergessen. Zwar wollen sie die DDR nicht wiederhaben. Aber muss denn alles so kompliziert sein, der Konkurrenzdruck, die ständigen Veränderungen !

( ... ) Vieles ist besser geworden. Ich denke an meine Kinder, die die Chance hatten, im Ausland zu studieren. Von solchen Möglichkeiten konnten wir in der DDR nur träumen. Wenn ich alte Filme aus DDR-Zeiten sehe, dann begegnen mir wieder die vielen grauen und zerfallenden Häuser und Straßen, die unser Land prägten. Für manche Städte und Dörfer kam die Wende gerade noch rechtzeitig, um wertvolle historische Substanz vor dem Untergang zu retten. Keiner möchte heute mehr so wohnen, wie wir damals gewohnt haben. Nein, wir sind in vieler Hinsicht reicher als damals.